Von Gut- und Schlechtstartern

Christian Karn
Acht Punkte aus 13 Spielen - und trotzdem Platz 10! - hat unsere interne Saisonprognose im Sommer ergeben. Wie das zusammenpassen sollte, ist uns bis heute unklar; weil's ein selbst für unsere Verhältnisse übertriebener Zweckpessimismus war, haben wir das umgehend wieder verworfen und uns wieder auf Realitäten konzentriert. Die sehen so aus, dass es für Mainz 05 neun Punkte aus fünf Spielen wurden. Nicht genau die neun zwar, die man hätte erwarten können, aber auch das stützt die These mehr, als es sie beschädigt: Prozesse in der Bundesliga sind zu kleinteilig für langfristige Prognosen - und es gibt ungünstigere Zeitpunkte, in Leverkusen zu spielen, als den morgigen Mittwochabend.

Einen gewissen Respekt hatte man schon in Mainz und um Mainz herum, als im Sommer der Spielplan der Bundesliga veröffentlicht wurde. Aufeinanderfolgende Auswärtsspiele in Mönchengladbach, Schalke und Leverkusen zum Saisonbeginn. Binnen fünf Wochen Schalke, Hoffenheim, Leverkusen, Bayern und Dortmund. Das ist heftig - aber das ist Bundesliga. Eine rasch mit dem Tabellenrechner erstellte Expertise prophezeihte den 05ern auch prompt eine 3-2-8-Bilanz nach 13 Spieltagen mit Siegen gegen Ingolstadt, Hannover und Darmstadt, Unentschieden gegen Bremen und Augsburg und Niederlagen gegen alle anderen. Und trotzdem Platz 10. Wie wir das geschafft haben, ist uns auch nicht ganz klar, auch die neun Gladbacher Auftaktsiege sind uns komisch vorgekommen. Also haben wir festgehalten: Saisonprognosen sind Unsinn.

Viel Prominenz, aber wenige Tore: Bayer Leverkusen ist nach fünf Spieltagen nur Erster des letzten Tabellendrittels. Foto: imagoTatsächlich ist Gladbach mit fünf Niederlagen gestartet, auch andere übliche Verdächtige krebsen weit unten herum: Der einzige Punkt der TSG Hoffenheim ist ein 0:0 in Darmstadt, der Europapokal-Starter FC Augsburg hat erst jetzt mit dem Pflichtsieg gegen das chronisch auswärtsschwache Hannover 96 den ersten Dreier bekommen, Bayer Leverkusen hat nach den erwarteten Auftaktsiegen gegen Hoffenheim und Hannover nur noch verloren - und wenn auch ein 0:3 bei den Bayern und ein 0:3 bei den bisher grandiosen Dortmundern im Rahmen dessen liegen, was auch einer Mannschaft wie Bayer Leverkusen jederzeit mal passieren kann, liegt dazwischen eine 0:1-Heimniederlage gegen den größten Bundesliga-Außenseiter seit dem SSV Ulm 1846, die tapfer und bislang durchaus erfolgreich mauernden und konternden Darmstädter.

So sieht es ganz danach aus, als würde es mal wieder eine Wildcard für den Europapokal geben in dieser Saison. Nach dem sechsten Spieltag werden auf den beiden Plätzen hinter (oder sogar zwischen?) dem Spitzenquartett Dortmund/Bayern/Wolfsburg/Schalke stehen: Zwei Mannschaften aus Köln, Ingolstadt, Mainz, Frankfurt, Bremen, Hamburg oder Hertha. Am erfolgreichsten waren aus diesem Kreis in den vergangenen Jahren: Die Mainzer, die sich als Siebter der Saison 2013/14 und als Fünfter der Saison 2010/11 schon zweimal für internationale Spiele qualifizierten. Das hat die Eintracht in diesem Zeitraum einmal geschafft, die anderen überhaupt nicht.

Die Mainzer sind also gewarnt, sollten damit rechnen, dass sie am Ende schon wieder diesen lästigen, störenden, hochproblematischen Wettbewerb am Hals haben und sich die Saison 2016/17 ruinieren könnten - siehe Augsburg, siehe Gladbach, siehe eigene schmerzhafte Erfahrungen in Siebenbürgen und auf dem Peloponnes. Selbst der FC Sevilla, der der UEFA jedes Jahr die Trophäe zum Finale ausleiht und anschließend wieder mit nach Andalusien nimmt, hat gerade gegen Celta Vigo verloren und ist Letzter in Spanien.

Aber natürlich ist die Tabelle des sechsten Spieltags noch nicht für viel mehr zu gebrauchen als für erste Tendenzen. Man kann jetzt schon ablesen, dass die weiter latinisierten Bayern auch ohne Arjen Robben und Franck Ribéry zum Allergrößten im Stande sein sollten, dass sie mit dem von Thomas Tuchel reanimierten BVB einen ernsthaften Konkurrenten haben, dass der HSV wie eh und je unberechenbar und doch zumindest etwas stabiler sein könnte als zuletzt, dass man den Frankfurtern alles zutrauen kann, im Guten wie im Schlechten, dass Gladbach wahrscheinlich nicht nochmal Dritter wird, aber festgeschrieben ist davon noch gar nichts.

Die bisherigen Ergebnisse der Mainzer zeigen, wie günstig es sein kann, in einer bestimmten Saisonphase auf einen bestimmten Gegner zu treffen. Die Gladbacher erwischte Mainz 05, als diese noch unsortiert waren, nach einer happigen Auftaktniederlage in Dortmund auch schon ein bisschen verunsichert. Das hat die Aufgabe, die die 05er mit einem nicht nur glücklichen 2:1 lösten, sicherlich etwas einfacher gemacht. Hoffenheim kam mit dem Gedanken nach Mainz, dass Führungstore nichts wert sind; auch in der Coface Arena verlor die TSG nach einem 1:0.

Bayer Leverkusen, morgen abend der Gegner der 05er, muss sich offensiv wieder finden - darauf deuten die erst drei Tore in fünf Saisonspielen hin. Nur Borussia Mönchengladbach hat noch weniger Tore geschossen, Yunus Malli alleine fast doppelt so viele. Karim Bellarabi hat nach seiner bemerkenswerten Hinrunde 2014/15 den seine Quote nicht halten können; in der Rückrunde nur noch viermal getroffen, in dieser Saison noch nicht. Heung-Min Son, der zweiterfolgreichste Angreifer, ist nicht mehr da. Stefan Kießling, 31 Jahre alt inzwischen, ist immer noch jederzeit für ein Tor gut, in letzter Zeit allerdings nicht mehr ganz so häufig wie zu seinen besten Zeiten. Selbst Hakan Calhanoglu hat in diesem Jahr erst einen Freistoß reingeschossen, zum mühseligen 1:0 in Hannover.

Was heißt das für die 05er? Nichts zwingendes, zunächst einmal. Die nächsten Tore von Bellarabi, von Kießling, von Calhanoglu, von Julian Brandt und Admir Mehmedi, das erste Bundesligator von Javier Hernández, sie werden fallen. Sicherlich nicht alle am Mittwochabend, aber schon die Hälfte dürfte reichen, um Mainz 05 komfortabel zu schlagen. Und dennoch gab es schon schlechtere Zeitpunkte, nach Leverkusen zu fahren, als nach einer 0:7-Tore-0-von-9-Punkten-Serie Bayers. Nominell ist es immer noch ein schweres Programm im ersten Saisonviertel, aber solange die nominell großen Teams noch nicht so gut funktionieren, wie sie sich das vorstellen, ist die Gelegenheit günstig, ein paar Punkte zu holen, die man in der Sommerpause noch nicht einkalkuliert hat.

Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.