Warum Mainz 05 nicht Tabellenführer ist

Christian Karn. Mönchengladbach.
Der FSV Mainz 05 hat trotz einer nahezu perfekten Leistung gegen den Ball zum dritten Mal hintereinander ein Bundesligaspiel verloren. Ein Grund für das 0:1 bei Borussia Mönchengladbach war der Ausfall der Offensive. Ein anderer allerdings nicht zum ersten Mal in dieser Saison eine Ansammlung grober Fehler des Schiedsrichters. Die erneute Gelb-Rote Karte gegen Jean-Philippe Gbamin kann man Robert Hartmann wohl durchgehen lassen; spielentscheidend war sie ohnehin nicht. Die 05er hätten jedoch einen frühen Elfmeter bekommen müssen. Und das aberkannte Ausgleichstor in der 89. Minute war vollkommen regulär.

Borussia Mönchengladbach - FSV Mainz 05 1:0 (0:0)

Sonntag, 11. Dezember 2016, 48.037 Zuschauer.

Borussia Mönchengladbach: Sommer - Jantschke, Christensen, Vestergaard, Elvedi - Hahn (46. Hazard), Strobl, Dahoud, Wendt (87. N. Schulz) - Stindl, Raffael (90+1. Drmic).
Reserve: Sippel, Sow, Hofmann, Korb. Trainer: Schubert.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Bell, Hack, Bussmann - Gbamin, Latza (80. de Blasis) - Öztunali (87. Holtmann), Malli, Jairo (71. Seydel) - Onisiwo.
Reserve: Huth, Balogun, Brosinski, Frei. Trainer: Schmidt.

Schiedsrichter: Hartmann (Wangen).

Tor: 1:0 Christensen (76., Stindl).

Gelbe Karten: Hahn, Jantschke.

Gelb-Rote Karte: Gbamin (90., wdh. Foulspiel).

Jetzt sitzen sie da, die Mainzer. Und wissen wahrscheinlich nicht, was sie noch machen sollen. 0:1 haben sie bei Borussia Mönchengladbach verloren. Unterwegs haben sie einen eindeutigen Elfmeter nicht bekommen, einen einwandfreien Ausgleichstreffer aberkannt bekommen, als kleines Zuckerle in der Nachspielzeit noch Gelb-Rot gegen Jean-Philippe Gbamin bekommen - das geht mit etwas Nachsicht vielleicht in Ordnung, aber eindeutig war auch das nicht. Es ist die dritte Niederlage in Folge für Mainz 05 in der Bundesliga, es ist die dritte Niederlage in Folge, an der sicherlich nicht der Schiedsrichter alleine schuld war, die dritte aber, bei der eine gewisse Spielbeeinflussung durch mittlere (kein Gelb-Rot gegen Martínez beim 1:3 gegen die Bayern) bis grobe Fehler eine Rolle gespielt hat.

Die 29. Minute war der erste Schlüsselmoment einer kontrollierten, aber unattraktiven Partie. Tobias Strobl blockte einen Kopfball von Gaetan Bussmann mit der Hand, den Elfmeter gab es nicht. Es war überhaupt erst der zweite Torversuch des Spiels, sechs Minuten zuvor hatte Lars Stindl einen harmlosen Hoppelball zu Jonas Lössl losgeschickt. Die Mainzer zeigten eins ihrer besten Auswärtsspiele der Saison - gegen den Ball. Vorne ging nicht viel. Vorne fehlte ein Spieler wie Jhon Córdoba, der sich in die Unterzahlsituationen wirft, von denen es viele gab: Die Gladbacher spielten nach ihrer langen Misserfolgsserie ohne jedes Risiko, ließen viele Spieler hinten. Jairo Samperio versuchte es in der 15. Minute mal, kam mit zwei Gegenspielern im Strafraum noch klar, zu dritt drängten die Gladbacher den Spanier schließlich ab. Jairo versuchte noch, den Eckball zu provozieren, das gelang nicht. Höhepunkte waren nur kleine technische Kunststückchen von Raffael, der den Zidane-Trick in Zeitlupe zeigte, von Yunus Malli, der einen Konter, der bald jedoch einschlief, mit einem Hackenvolley einleitete - und die mutige Grätsche des Gladbacher Verteidigers Andreas Christensen gegen den Córdoba-Vertreter Karim Onisiwo, die mit einem Notbremsen-Elfmeter hätte enden können, aber tatsächlich den Ball traf (21.).

Mainzer Torversuche waren nicht wesentlich zahlreicher, nicht wesentlich besser als die der Gladbacher, aber es gab sie hin und wieder. Onisiwo kam in eine gute Schussposition und machte zu wenig daraus (35.), wurde in der 38. Minute noch einmal sauber von Christensen geblockt, Danny Latza schoss harmlos (43.), alles an sich kaum nennenswert, alles nur deswegen ein Thema, weil die Borussia nicht einmal solche Aktionen hatte.

Das lag in hohem Maße an Danny Latza. Der Sechser machte bei seinem Startelf-Saisondebüt in fast allen Aspekten ein großes Spiel. Der Mittelfeldspieler war überall, half den Kollegen, schloss Lücken, organisierte, lief mit gutem Auge Bälle ab, gewann Zweikämpfe, bis er nach etwa einer Stunde den Schwung verlor, vielleicht schon etwas früher als in der 80. Minute hätte ausgewechselt werden sollen. Bis dahin fehlte zur Perfektion wohl nu der eine entscheidende tödliche Steilpass, vom defensiven Sechser soll man das nicht auch noch verlangen. Wäre Latza nicht bis vor wenigen Wochen ausgefallen, hätte es in der 29. Minute außerdem diesen Elfmeter gegeben - und Yunus Malli ist bisher ein sehr sicherer Elfmeterschütze -, hätte sich die Fehlentscheidung nicht in eine lange Kette eingereiht, die schon am zweiten Spieltag mit dem Platzverweis gegen Gaetan Bussmann und dem Punktverlust gegen die TSG Hoffenheim begann - die 05er wären sicherlich trotzdem nicht Tabellenführer. Dadurch und durch die großen Probleme, die es während Latzas Fehlzeit im Raum vor der Innenverteidigung gegeben hat, sind sicherlich einige Punkte verloren gegangen.

Statt dessen arbeiteten sich die 05er auch in Gladbach an einem 0:0 ab gegen einen Gegner, der erst nach einer Stunde etwas aktiver wurde, etwas weiter herauskam, trotzdem ungefährlich blieb, bis zum Führungstor in der 76. Minute, dass sich wohl wirklich seit ein paar Minuten am Horizont abgezeichnet hatte. Es war ein Eckballtor, es war durch Zufall begünstigt - regulär war's auch. Stindls Schuss wäre wohl harmlos gewesen, war leicht abgefälscht, wäre immer noch harmlos gewesen, wäre er nicht in Reichweite von Christensen gekommen. Der hielt den Fuß rein, Jonas Lössl kam nicht schnell genug hinunter, ließ den Ball unter dem Körper zum 0:1 durchflutschen.

Die Verblüffung in den Gesichtern ist riesengroß, als die 05-Spieler merken: Der Schiedsrichter gibt das Ausgleichstor nicht! Foto: imagoUnd weil die 05-Offensive weiterhin kaum funktionierte, weil Jairo, Levin Öztunali, Yunus Malli gegen die verunsicherten Gladbacher die Gelegenheiten, die sich zur Torannäherung boten, einfach nicht nutzten, war dieses 0:1 ein Problem. Die 05er lösten das Problem in der 89. Minute - hätten es gelöst, wenn Hartmann sich nicht den zweiten groben Fehler geleistet hätte. Gladbachs Torwart Yann Sommer hatte einen Schuss von Aaron Seydel nicht festhalten können, Pablo de Blasis mit dem Nachschuss getroffen. Es war kein Abseits, es war kein Foul, es war einwandfrei. Der Linienrichter wäre sofort zur Mittellinie unterwegs gewesen, bestätigte auch Stefan Bell - damit zeigt der Fahnenmann an: Keine Einwände meinerseits. Auch Hartmann - so sah es Bell - habe das Tor wohl zunächst geben wollen, erst nach Widerspruch Sommers entschieden: Kein Ausgleich. 05-Sportdirektor Rouven Schröder sah sich die Szene zusammen mit Hartmann später an, der Schiedsrichter, so Schröder, habe sich nicht für die Fehlentscheidung entschuldigt, aber man habe ihm angesehen, dass er sie erkannt haben muss. Nutzt natürlich alles nichts, der Punkt war trotzdem verloren; in Unterzahl - Jean-Philippe Gbamin hatte direkt nach dem Freistoß auf der Gladbacher Torlinie für sein zweites Foul der Partie schon wieder Gelb-Rot gesehen - hatten die 05er sogar Glück, dass die Borussia einen Überzahlkonter kläglich vergab.

Unterm Strich liegt es wohl nicht nur an den vielen Fehlentscheidungen und an den vielen Defensivproblemen während Latzas Abwesenheit, dass die 05er nicht Tabellenführer sind. Aber sie können wesentlich besser stehen.

► Alle Artikel zum Spiel bei Borussia Mönchengladbach

► Zur Startseite