Was bedeutet "Gegentor"?

Christian Karn. Mainz.
2014 – ein ereignisreiches und spannendes Jahr für den FSV Mainz 05 in der Bundesliga mit vielen Höhen und einigen Tiefen, aufregend und facettenreich. Mit Erfolgen und Niederlagen, alten und neuen Protagonisten. Die nullfünfMixedZone beleuchtet noch einmal die vergangenen zwölf Monate der Fußballer vom Bruchweg mit Geschichten, Bildern und Zahlen, mit Besonderheiten und Randerscheinungen. Hier im Rückblick: Die zweite Hälfte der Rückrunde mit allen Spielen, Aufstellungen und Toren.

Was sich in den ersten Spielen des Jahres angedeutet hatte, setzte sich am Saisonende noch extremer fort: Wer nur die Heimspiele der 05er verfolgte, der wusste bald nicht mehr, wie sich ein Gegentor anfühlt. Nur fünf davon kassierten die 05er in der ganzen Rückrunde in der Coface Arena, davon zwei im gewohnt ungerechten Bayern-Spiel und zwei am allerletzten Spieltag. Von der Auswärtsstärke des Winters war rein gar nichts mehr übrig, aber vier meist deutliche Heimsiege sicherten dem FSV Mainz 05 seine dritte Teilnahme am Europapokal.

FSV Mainz 05 - Bayern München 0:2 (0:0)

22. März 2014.

Das ist typisch für diesen Verein: Vor Bayern München hat der FSV Mainz 05 vielleicht Respekt, aber keine Angst. Wenige Bundesligisten suchen der Übermannschaft derart auf Augenhöhe zu begegnen wie die Mainzer es gerade im eigenen Stadion tun. Das führt zwar meistens trotzdem zur Niederlage, aber die hält sich in der Regel in Grenzen - und am Ende bleibt oft festzuhalten, dass nicht viel fehlte. Mehr als 80 Minuten lang lieferten die 05er dem hohen Favoriten im März einen offenen Kampf mit leidenschaftlichem Pressing, Mut zur Offensive. Mit Ja-Cheol Koo als Umschaltspieler - diese Rolle sollte der Koreaner später unter Kasper Hjulmand noch häufiger spielen. Ein riskanter Ansatz, der zu einem hochattraktiven Spiel auf höchstem Bundesliganiveau führte. Nur die Belohnung fehlte: Die 05er nutzten ihre Chancen nicht, die Bayern trafen in der Schlussphase zweimal zu einem nicht annähernd selbstverständlichen Auswärtssieg.

FSV Mainz 05: Karius - Pospech, Bell, Noveski, Park - Moritz (84. Malli), Geis - N. Müller, Koo (46. Saller), Choupo-Moting (60. Bungert) - Okazaki.
Tore: 0:1 Schweinsteiger (82. Shaqiri), 0:2 Götze (86. Ribéry).

Eintracht Braunschweig - FSV Mainz 05 3:1 (2:1)

26. März 2014.

Vier Tage nach dem großen Spiel und der unglücklichen Niederlage gegen die Bayern zeigten die 05er das andere Extrem ihres fußballerischen Spektrums: Eine verdiente Niederlage beim Tabellenletzten. Allergrößte sportliche Substanz hatte Eintracht Braunschweig nicht. Aber Moral und Kampfgeist - und das Glück, dass es nach einer Tätlichkeit von Domi Kumbela weder Elfmeter noch Rot gab, sondern etwas später das zweite Tor Kumbelas. Gut möglich, dass Thomas Tuchel zu großes Vertrauen in die Leistungsdichte seines Teams hatte: Fünf personelle Veränderungen in der Startelf - die beiden Koreaner fehlten wegen Verletzungen, Christoph Moritz gelbgesperrt, außerdem blieben Johannes Geis und Shinji Okazaki draußen - taten dem Mainzer Spiel nicht gut. Yunus Malli begann gut als falsche Neun, verschwand aber immer weiter in der Versenkung. Niki Zimling als zentraler Offensiver wurde von der Eintracht mit extremer Härte - siehe oben - ausgeschaltet. Und die Abwehr hatte ihre Probleme mit den Braunschweiger Überfällen. Das Ergebnis dieser Faktoren: Ein 1:3.

FSV Mainz 05: Karius - Pospech, Bell, Noveski, Diaz - Koch (75. Nedelew), Soto - N. Müller, Zimling (56. Okazaki), Choupo-Moting (70. Polter) - Malli.
Tore: 1:0 Kumbela (18., Reichel), 1:1 N. Müller (20., Pospech), 2:1 Nielsen (45+3., ohne Vorarbeit), 3:1 Kumbela (77., Elabdellaoui).

FSV Mainz 05 - FC Augsburg 3:0 (2:0)

29. März 2014.

Endergebnis eines missglückten Abwehrversuchs: Torwart k.o., Ball drin, Gegner hocherfreut. Foto: imagoVon einer Vorentscheidung ums Rennen nach Europa kann in diesem Spiel noch keine Rede sein: Erst 18 Tage später stand fest, dass beide DFB-Pokalfinalisten in der Champions League spielen und der Bundesliga-Siebte in die Europa League nachrücken würde. Diesen siebten Platz aber festigten die 05er in diesem Spiel. Der FC Augsburg hätte sich mit einem Auswärtssieg vor die Mainzer schieben könnten, erlebte aber ein Fiasko höchster Güteklasse: Zwei Verletzte in der ersten halben Stunde - und Tobias Werner, dessen Schädelfraktur nach der Kollision mit Stefan Bell von medizinisch bewanderten Zuschauern auf der Tribüne erkannt wurde, nicht aber von den Augsburger Mannschaftsärzten, hatte Glück, dass er in den zehn Minuten bis zu seiner Auswechslung in keine weiteren harten Zweikämpfe verwickelt wurde. Niko Bungert, der erst unmittelbar vor dem Anpfiff anstelle von Nikolce Noveski in die Startelf gekommen war, hatte schon zum 1:0 getroffen. Das 2:0 war ein Eigentor und der zweite Mainzer Zufallstreffer binnen kurzer Zeit - Hoffenheims Verteidiger Niklas Süle hatte Benedikt Saller zu dessen Tor den Ball übergedroschen, nun knallte der Augsburger Matthias Ostrzolek die Kugel dem eigenen Torhüter ins Gesicht und der Abpraller landete hinter der Linie. Johannes Geis veredelte in der Schlussphase den nie gefährdeten Sieg mit einem feinen Distanzschuss zum 3:0. Der Fünf-Punkte-Vorsprung auf den FCA schrumpfte in den verbleibenden Spielen schließlich auf einen, aber das sollte reichen.

FSV Mainz 05: Karius - Pospech, Bungert, Bell, Park - Moritz (90. Soto), Geis - N. Müller (77. Malli), Koo (86. Zimling), Choupo-Moting - Okazaki.
Tore: 1:0 Bungert (23., Bell), 2:0 Hitz (38., Eigentor, angeschossen), 3:0 Geis (83., Koo).

Eintracht Frankfurt - FSV Mainz 05 2:0 (0:0)

5. April 2014.

Auch bei der anderen Eintracht demonstrierten die 05er: Wenn alles passt, mögen sie zu Großem in der Lage sein, aber ein Nachlassen kann sofort zur Niederlage führen. So wie in diesem unspektakulären, vielleicht sogar belanglosen Spiel, das nicht den Derbycharakter hatte, der allen anderslautenden Beteuerungen zum Trotze doch den meisten Partien zwischen Mainz 05 und Eintracht Frankfurt zugrunde liegt. Maxim Choupo-Motings Kopfball kurz nach der Pause hätte der Büchsenöffner zum Auswärtssieg sein können, aber Alexander Madlung stand im Weg. Kurz darauf: 1:0 für die Eintracht. Und die 05er fanden keine Antwort. Zu umständlich war die Offensive, zu viele Bälle gingen auf dem Weg zum Frankfurter Strafraum leichtfertig verloren. Mit dem 2:0 war das Spiel entschieden.

FSV Mainz 05: Karius - Pospech, Bell, Noveski, Park - Geis - Moritz (83. Polter), Koo, Zimling (58. S. Parker) - Okazaki (72. Malli), Choupo-Moting.
Tore: 1:0 Joselu (52., Jung), 2:0 Meier (85., Aigner).

FSV Mainz 05 - Werder Bremen 3:0 (3:0)

12. April 2014.

Völlig hilflose Bremer konnten froh sein, kein noch größeres Fiasko zu erleben: Statt 3:0 - was bereits der Halbzeitstand war - hätte es am Ende auch 6:0 stehen können. Oder höher. Oder noch höher. Die 05er hielten sich nicht groß ruhigem Aufbau, Dominanz und Ballbesitz auf, sondern griffen ganz aggressiv an: Balleroberung und Umschaltung. Gern schon am gegnerischen Strafraum. Damit war Werder total überfordert. Frühe Führung durch ein Eigentor. Schnelles 2:0. Weitere Chancen, bei denen immer wieder ein paar Zentimeter fehlten. Auch nach dem 3:0 keine Ruhe für die Bremer, kein Zurückschalten. Reines Glück für den ehemaligen Champions-League-Dauergast, so glimpflich davongekommen zu sein. Thomas Tuchel konnte es sich trotzdem erlauben, in den Schlussminuten zwei 05-Veteranen ihren Ausstand zu schenken: Bo Svensson (122 Spiele) und Malik Fathi (55 Spiele) hatte man seit einem halben Jahr nicht mehr auf dem Platz und kaum noch im Kader gesehen. Beide bekamen in der 88. Minute ihr letztes Bundesligaspiel geschenkt.

FSV Mainz 05: Karius - Pospech, Bungert, Noveski, Diaz (88. Fathi) - Geis - Moritz (88. Svensson), Malli, Soto (80. Saller) - Okazaki, Choupo-Moting.
Tore: 1:0 Petersen (5., Eigentor, Geis), 2:0 Moritz (16., ohne Vorarbeit), 3:0 Malli (39., Pospech).

Borussia Dortmund - FSV Mainz 05 4:2 (2:1)

19. April 2014.

Wie erklärt man so ein Spiel? War die Niederlage in Dortmund verdient? Ja, absolut. War mehr drin als eine Niederlage? Ja, trotzdem. Der BVB war die wesentlich bessere Mannschaft, vergab reihenweise Chancen, ließ die 05er aber zweimal zurück ins Spiel und profitierte zweimal von den üblichen kleinen Ungerechtigkeiten des Fußballs. Das 1:0? Irregulär. Handspiel. Das 1:1? Wunderbar herausgespielt, aber die Dortmunder Abwehr ließ sich auch etwas zu leicht überrumpeln. Das 2:1 folgte schnell, danach etliche dicke Chancen für den BVB. Thomas Tuchels Plan mit einem 4-1-4-1, defensiven Außenverteidigern und Zdenek Pospech im Mittelfeld funktionierte überhaupt nicht und wurde zur Halbzeit mit einem Doppelwechsel verworfen. Damit waren die 05er besser im Spiel, brauchten aber einen fürchterlichen Fehlpass von Nuri Sahin zum erneuten Ausgleich. Drei Minuten darauf: Wieder einer dieser gefährlichen Dortmunder Standards, die die 05er in der ersten Hälfte häufig mit gewissem Glück überstanden, diesmal nicht. 3:2. Weiter im gewohnten Bild: Aufbaufehler Mainz, Großchance BVB. Eine dieser Szenen, für die es neuerdings Rot und Handelfmeter gibt, nahm schließlich die letzte Hoffnung auf einen absurden, aber nicht undenkbaren Punktgewinn.

FSV Mainz 05: Karius - Bell (46. S. Parker), Bungert, Noveski, Diaz - Geis - Pospech, Moritz (46. Saller), Malli (76. Koo), Choupo-Moting - Okazaki.
Tore: 1:0 Jojic (6., ohne Vorarbeit), 1:1 Okazaki (14., Malli), 2:1 Lewandowski (18., Mchitarjan), 2:2 Okazaki (53., ohne Vorarbeit), 3:2 Piszczek (56., Reus), 4:2 Reus (79., Elfmeter).
Rote Karte: Bungert (78., unabsichtliches Handspiel).

FSV Mainz 05 - 1. FC Nürnberg 2:0 (2:0)

26. April 2014.

Eigentlich hätte man sich das ganze Spiel sparen können. Am 11. Dezember 2004 hatte der 1. FC Nürnberg mal in Mainz gewonnen, 1:0 zum Hinrundenfinale beim bis dahin zuhause ungeschlagenen Aufsteiger. Seitdem: Nur noch Niederlagen. Sieben in der 1. und 2. Bundesliga. Sechs in der U19-Bundesliga. Vier - und immerhin zwei Remis, die wir nicht völlig unterschlagen wollen - in der U17-Bundesliga. Zwei Punkte mannschaftsübergreifend in neunzehn Spielen. Und auch diesmal gelang den dem Abstieg entgegentaumelnden Franken nicht viel. Die Mainzer führten kein Spektakel auf. Aber in den entscheidenden Szenen hatten sie das nötige Durchsetzungsvermögen, die nötige Effizienz, und das reichte, um ohne großes Brimborium drei weitere Punkte auf dem Weg in den Europapokal zu schnappen. Durch Shinji Okazakis 14. Saisontor und Christoph Moritz' Abstauber aus dem Hintergrund war die Partie schon zur Halbzeit entschieden.

FSV Mainz 05: Karius - Pospech, Bell, Noveski, Diaz - Geis, Soto (76. Koo) - Moritz, Malli (86. Baumgartlinger), Choupo-Moting - Okazaki (90. Nedelew).
Tore: 1:0 Okazaki (30., Geis), 2:0 Moritz (44., ohne Vorarbeit).

Borussia Mönchengladbach - FSV Mainz 05 3:1 (1:0)

3. Mai 2014.

In Gladbach hätten die 05er gerne die Europapokal-Qualifikation klar gemacht, sich zumindest vorübergehend Platz sechs geschnappt, vielleicht - im Falle von Niederlagen diverser Konkurrenten - sogar noch bessere Platzierungen angegriffen. Nichts war's. Die Konkurrenz gewann, das eigene Spiel ging verloren, und von hinten baute der FC Augsburg noch einmal Druck auf - Platz sechs war außer Reichweite und vom einst komfortablen Vorsprung auf den achten Rang war nur noch ein Pünktchen übrig. Obwohl die 05er eins ihrer besten Auswärtsspiele gezeigt hatten gegen eine Gladbacher Mannschaft, die völlig auf Offensive verzichtet, hinten aber gut verteidigt hatte. Und mit einem Standard und zwei Kontern dreimal getroffen hatte. Während die 05er mit ihrer Fünferkette die Borussia eigentlich lahmgelegt, die ganze Partie kontrolliert, mit viel Ballbesitz immer wieder geduldig aufgebaut hatten, aber nach dem verdienten Anschlusstreffer den Druck nicht aufrecht erhalten konnten. Eigentlich gab es keinen Grund, dieses Spiel zu verlieren. Aber so ist Fußball manchmal.

FSV Mainz 05: Karius - Pospech, Bungert (82. Saller), Bell, Noveski, Diaz - Moritz (71. Malli), Geis (82. Baumgartlinger), Soto, Choupo-Moting - Okazaki.
Tore: 1:0 Stranzl (22., Dominguez), 2:0 Kruse (54., ohne Vorarbeit), 2:1 Choupo-Moting (65., Pospech), 3:1 Kramer (77., Kruse).

FSV Mainz 05 - Hamburger SV 3:2 (1:1)

10. Mai 2014.

Der Abschluss von sechs erfolgreichen Jahren: Thomas Tuchel auf dem Zaun bei den Fans, die zum Teil schon wussten, dass es sein letztes Spiel war. Foto: imago

Ein Saisonfinale wie aus dem Bilderbuch, oberflächlich: Für beide Mannschaften ging es um viel: Der Hamburger SV wollte nicht absteigen, die 05er wollten in den Europapokal. Beide konnten ihr Ziel aus eigener Kraft erreichen, beiden würde nur mit der erheblichen Schützenhilfe anderer auch eine Niederlage reichen. Der HSV ging mit dem Druck zunächst besser um. Zwar erlaubte ein fürchterlicher Abwehrfehler schon nach wenigen Minuten das Mainzer Führungstor, aber die Gäste schlugen schnell zurück und hätten auch eine Führung verdient gehabt. Stichwort Schützenhilfe: Die Mainzer schienen sich lange auf Eintracht Frankfurt verlassen zu können; ausgerechnet der große Rivale führte zunächst gegen den FC Augsburg, hielt danach lange das Unentschieden - ein Remis hätte unter diesen Umständen auch den 05ern gereicht. Und weil Nürnberg auf Schalke früh 0:1, bald 0:2 zurücklag, ebenso Eintracht Braunschweig in Hoffenheim, konnte dem HSV das Ergebnis auch herzlich egal sein: Der Nichtabstiegsplatz war für die Hamburger sowieso längst außer Reichweite und die Verfolger waren überhaupt nicht in der Lage, den Relegationsplatz anzugreifen. Yunus Malli traf irgendwann zum nicht unbedingt erwarteten 2:1, Shinji Okazaki kurz nach dem Augsburger Führungstreffer gar zum 3:1. Ivo Ilicevics flotter Anschlusstreffer machte die 05er noch ein bisschen nervös, aber es blieb beim 3:2 und einem eher antiklimatischen Saisonende, mit dem alle Beteiligten zufrieden waren: Der HSV hatte trotz der Niederlage seine letzte Chance in der Relegation sicher, die Mainzer waren Siebter und damit im Europapokal. Dass schon im Laufe des Spiels Thomas Tuchels Abschied durchgesickert war, trübte allerdings die Stimmung.

FSV Mainz 05: Karius - Pospech, Bell, Noveski, Diaz - Geis, Soto (84. Baumgartlinger) - Moritz, Malli (90+1. Bungert), Koo (83. N. Müller) - Okazaki.
Tore: 1:0 Soto (7., Pospech), 1:1 Lasogga (12., van der Vaart), 2:1 Malli (65., Koo), 3:1 Okazaki (82., Malli), 3:2 Ilicevic (84., Jiracek).