Weiche Faktoren in der Wundertüte

Jörg Schneider
Seit dem 2:1-Sieg am 18. Oktober des vergangenen Jahres gegen den FC Augsburg hat der FSV Mainz 05 kein Fußballspiel mehr gewonnen. Auch nicht in der vierwöchigen Vorbereitungszeit, die jetzt mit diesem ominösen 1:4 im Testspiel hinter verschlossenen Türen gegen Bayer Leverkusen endete. Die Spannung ist groß vor der am Wochenende beginnenden Bundesliga-Rückrunde. Eine Einordnung der aktuellen Leistungsstärke dieser Mannschaft fällt nach wie vor schwer. Jörg Schneider sieht in seinem Blog noch viele weiche Faktoren und die 05er vor dem Start als Wundertüte: man weiß einfach nicht genau, was drin ist.

Jürgen Klopp hat einmal gesagt, der Profifußball beziehe seine Berechtigung alleine daraus, das Publikum zu unterhalten. Das öffentliche Interesse sorgt dafür, dass die Vereine immense Umsätze generieren, dass Spieler und Trainer immer üppigere Gehälter einstecken können. Es ist anzunehmen, dass dies auch Roger Schmidt, dem Trainer von Bayer Leverkusen und Kasper Hjulmand bewusst ist, die so bereitwillig aufs Publikum verzichteten, die Öffentlichkeit aussperrten, um in einem Testspiel irgendetwas zu testen, was niemand sehen sollte.

Was aber wahrscheinlich sowohl der Ex-Mainzer Klopp, der es zum Rückrundenauftakt mit Schmidts Leverkusenern zu tun kriegt, als auch der Trainer des 05-Gegners SC Paderborn 07, André Breitenreiter, vom ehemaligen SCP-Trainer Schmidt nach diesem 1:4 am Bruchweg relativ zügig sowieso zugetragen bekamen.

Christian Clemens (rechts) gab sein Debüt im 05-Trikot beim 0:1 in Marbella gegen den SC Freiburg. Foto: René VigneronVielleicht diente die Geheimniskrämerei um ein banales Freundschaftsspiel auch dem Zweck, die Spannung auf den Rückrundenstart durch Entzug zu erhöhen. Das zumindest könnte gelungen sein. Es ist viel geschrieben und einiges gesendet worden von einem Spiel, über das es keine veröffentlichbaren Informationen gab. Dem Mainzer Publikum ist erspart geblieben, bei zünftigem Sauwetter mitzuerleben, wie die Mannschaft des FSV Mainz 05 einmal mehr ihre Angriffsschwäche pflegte, obwohl das Team diesmal sogar Chancen herausgespielt haben soll, was zuletzt im Beisein von Publikum gar nicht gelang. Ein Fortschritt also.

Am Samstag ist es mit diesem ganzen Geplänkel sowieso vorbei. Dann wird Kasper Hjulmand beweisen müssen, ob die Heimlichtuerei erfolgreich war. Ob es ihm und seinem Team gelingt, dem Publikum in der Coface Arena die Unterhaltung zu bieten, die alle auch noch so grotesken Maßnahmen im Vorfeld rechtfertigt: der seit dem 18. Oktober 2014 andauernden Erfolglosigkeit in der Bundesliga ein Ende zu setzen. Ein Sieg zum Rückrundenauftakt gegen den SC Paderborn am Anfang einer Englischen Woche mit den Begegnungen in Hannover und zu Hause gegen Hertha BSC und niemand redet mehr von Geheimspielen oder quälenden Test-Begegnungen mit dem SC Freiburg und Eintracht Braunschweig.

Mainz 05 geht als Wundertüte in diese zweite Halbserie der Saison. Nach der vierwöchigen Vorbereitung fällt eine Einordnung schwer. Ist Hjulmands Optimismus begründet? Ist die Mannschaft in der Lage, wie zu Beginn der Vorrunde positive Ergebnisse zu liefern?

Die personellen Voraussetzungen sind immerhin wesentlich erfreulicher als noch vor der Pause. Zwei Neuzugänge im Kader, Pierre Bengtsson und Christian Clemens, die einen guten Eindruck hinterlassen haben in den vergangenen Wochen und Startelf-Qualitäten besitzen. Mit Jonas Hofmann ist nach langer Verletzungspause ein Hoffnungsträger zurück, der etliche der Defizite im Angriff ausgleichen könnte. So er sich denn der alten Wettkampfhärte nähern kann. Shinji Okazaki ist vorzeitig von der Asien-Meisterschaft zurück und hat noch einige Tage Zeit, seine muskulären Probleme in den Griff zu kriegen. Ohne den japanischen Mittelstürmer könnte es schwierig werden.

Niko Bungert und Julian Baumgartlinger dürften Tag für Tag mehr in ihre angestammten Rollen hineinwachsen. Die Konkurrenzsituation ist wieder größer und damit leistungsfördernder geworden. Dennoch gibt es im personellen Bereich noch viele weiche Faktoren.

An der Organisation und der Raumaufteilung im eigenen Aufbauspiel gab es in dieser Vorbereitung wenig zu beanstanden. Spielaufbau und Kombinationsfluss funktionierten ordentlich, das 05-Spiel wirkte strukturiert und vielversprechend – bis zum gegnerischen Strafraum. Die defensive Umschaltung klappte dagegen nicht immer wie gewünscht. Im Gegenpressing hatte Hjulmands Mannschaft so ihre Probleme, an denen der Trainer jedoch eifrig arbeitete.

Ab Samstag müssen sich die 05er stellen. Der Konkurrenz und der Öffentlichkeit. Die Zeit der Experimente hinter verschlossenen Stadion-Türen ist vorbei. Das Startprogramm wird schnell Aufschluss darüber geben, ob Hjulmand und dessen Profis gut gearbeitet, die Vorbereitungs- und Testphase genutzt haben und ob der 05-Trainer die richtigen Maßnahmen und Strategien gefunden und entwickelt hat, um sich im knallharten Unterhaltungs-Geschäft Bundesliga zu behaupten. Die Spannung ist groß vor dieser für den Klub kompliziertesten Rückrunde der vergangenen Jahre. Die Nervosität allerdings nicht minder.

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Jörg Schneider
Kennt den FSV Mainz 05 aus dem Effeff. Seit 1987 begleitet er den Klub und dessen Werdegang als Berichterstatter. Als Sportredakteur der Mainzer Rhein-Zeitung war er fast überall dabei, hat über alle Höhen und Tiefen, über die Erfolge und Aufstiege geschrieben, über zig Trainingslager und Vorbereitungsphasen, von Transfersituationen berichtet und diese versucht realistisch einzuschätzen, über wirtschaftliche und soziale Entwicklungen von der Oberliga bis heute. Sein Credo: Sachlichkeit und Seriosität, immer bemüht, Denkanstöße zu geben. Erklären steht immer vor schlagzeilenträchtiger Kritik. Das wird auch bei nullfünfMixedZone.de nicht anders sein.