Wer einsnull führt, der stets gewinnt

Christian Karn. Mainz.
Im Trainingslager hat Martin Schmidt seine Spieler in der vergangenen Woche auf Betriebstemperatur gebracht; im kalten Mainz geht es nun darum, diese zu halten. Die Fans haben noch ein paar Tage mehr Zeit, um wieder in Bundesliga-Topform zu kommen; zur ersten Einstimmung blicken wir in der nullfünfMixedZone heute noch einmal auf die Hinrunde zurück, finden dabei ein Muster, das sich durch fast alle Spiele zieht, und machen uns Gedanken, was die jeweils benachteiligte Mannschaft brauchen könnte, um dieses Muster zu durchbrechen.

Nicht mehr lange, dann beginnt die zweite Saisonhälfte der Bundesliga. Die Generalprobe des FSV Mainz 05 findet am Samstag (15 Uhr) am Bruchweg gegen den punktgleichen Tabellennachbarn aus Köln statt; um sich den "geforderten wirtschaftlichen und organisatorischen Aufwand für die als notwendig erachteten Sicherheitsvorkehrungen" zu ersparen, sprich: Polizei und Ordnungsdienst nicht schon aus der Winterpause holen zu müssen, werden die 05er das Stadion nicht fürs Publikum öffnen. Eine Woche später geht's schon zum ersten Rückrundenspiel nach Ingolstadt.

Im Trainingslager hat Martin Schmidt seine Spieler in der vergangenen Woche auf Betriebstemperatur gebracht; im kalten Mainz geht es nun darum, diese zu halten. Die Fans haben noch ein paar Tage mehr Zeit, um wieder in Bundesliga-Topform zu kommen; zur ersten Einstimmung blicken wir in der nullfünfMixedZone heute noch einmal auf die Hinrunde zurück.

Die beendeten die 05er auf dem achten Platz. Selbst der fünfte Rang wäre am Ende noch in Reichweite gewesen im Falle eines deutlichen Sieges in Berlin am 17. Spieltag, aber davon hätte die Mainzer Mannschaft nicht viel weiter entfernt sein können. Ein bisschen geblendet hätte ein solcher Zwischenerfolg wohl ohnehin. Insgesamt präsentierten sich die 05er im vergangenen halben Jahr als solide Mannschaft aus dem Bundesliga-Mittelfeld.

Ziemlich exakt sogar, das belegt eine Zahlen-Spielerei. Die Tabellen-Zwischenstände der 17 Spieltage, Platz 13, 8, 5, 10 etc., ergeben gemittelt den durchschnittlichen Platz 9,412 für Mainz 05, gerundet Platz 9,5 - genau an der Grenze zwischen oberer und unterer Tabellenhälfte. Eine Linie, die die 05er neunmal überschritten haben, fünfmal nach oben, viermal nach unten. Im ersten Saisondrittel mit leicht fallender Tendenz, zuletzt wieder steigend. Genau zweimal - am ersten und am achten Spieltag - standen die 05er im unteren Drittel der Tabelle, jeweils auf dem 13. Platz. Genau einmal, nämlich am dritten Spieltag, im oberen Drittel, sogar auf Rang fünf. Woraus wir ablesen: Die Hinrundenmannschaft ist tatsächlich zu gut, als dass sie Angst vor einem Abstiegskampf haben müsste, sie ist wiederum tatsächlich nicht gut genug, um ernsthafte Ansprüche auf eine vierte Europapokal-Teilnahme haben zu können.

Die Hinrunden-Mannschaft, wohlgemerkt, denn Eintracht Frankfurt hat es vor ein paar Jahren erst vorgeführt, wie dramatisch eine Saison schiefgehen kann, wenn man nur die Rückrunde schlecht genug spielt. Die Mainzer Rückrundenmannschaft muss die Hinrunde bestätigen, um den Abstand nach unten weiter zu festigen; ihr ist es nicht verboten, die Hinrunde zu übertreffen.

93. Minute in Augsburg: Yoshinori Muto gelingt der glückliche - weil späte und abgefälschte, vom Zufall so begünstigte - Ausgleich in einem von nur zwei Vorrundenspielen der 05er, die dem gängigen Bundesliga-Muster widersprachen. Foto: imagoWomit wir zu einem interessanten Faktor der Hinrunde kommen: zum großen Wert eines Führungstors. Fünfzehn Mal fiel in Spielen der 05er ein 1:0, lediglich bei den Partien in Köln und gegen den VfB Stuttgart gab es gar keine Tore. Achtmal schossen die Gegner das 1:0. Siebenmal gewannen sie daraufhin. Einzige Ausnahme: Das 3:1 gegen die TSG Hoffenheim, die in jener Saisonphase geradezu darauf spezialisiert schien, Führungen abzugeben. Siebenmal trafen zuerst die 05er. Sechsmal gewannen sie daraufhin. Einzige Ausnahme: Das 3:3 in Augsburg, gleichzeitig neben dem Hoffenheim-Spiel die einzige Partie, in der beide Mannschaften mal führten, demnach auch das zweite Spiel, in dem die 05er nach einem Rückstand punkteten. Der FCA, der sich nach 0:2 und 3:2 über das entscheidende Gegentor in der 93. Minute fürchterlich ärgerte, war seinerzeit Tabellenletzter und blieb es. Die Hoffenheimer waren's nicht, sind's aber heute.

Rückstände gegen Ingolstadt, die Bayern, den BVB, Bremen, in Leverkusen, in Berlin führten die 05er direkt in die Niederlage, den auf Schalke glichen sie aus, ehe sie den Punkt wieder verloren. Andererseits hatten die Führungstore gegen Hannover, Wolfsburg, Frankfurt und Hamburg direkt Bestand. Gladbach (0:1) und Darmstadt (0:2) glichen zuhause einen Rückstand gegen die 05er aus und verloren das Spiel trotzdem.

Das sind die beiden Facetten der Konstanz der 05er in der Hinrunde. Führungen können sie oft verteidigen, gelegentlich ausbauen, gegebenenfalls auch abgeben und wieder zurückholen. Auf Rückstände entscheidend zu reagieren gelang den Mainzern kaum. Auch so drückt sich der achte Platz aus: Gegen die sieben höher stehenden Mannschaften holten die 05er nur sechs von theoretisch möglichen 21 Punkten, gegen die punktgleichen Kölner gab es ein 0:0, gegen die untere Tabellenhälfte 17 von 27 Punkten. Ausreißer: Heimsieg gegen die auswärtsschwachen Wolfsburger, Auswärtssieg bei den Gladbacher Fehlstartern am zweiten Spieltag, logisch kaum erklärbare - verdiente - Heimniederlagen gegen Ingolstadt und Bremen.

Frage: Warum kippen die Rückstände und Führungen nicht? Antwort: Weil's unwahrscheinlich ist. Frage: Nochmal - warum? Antwort: Weil - abgesehen von wenigen Ausnahmen - die ganze Bundesliga einen Spielstil angenommen hat, der wenig mit dem Ball zu tun hat. Hinten zumachen, vorne umschalten. Dafür bleiben bei Ballgewinnen wenige Sekunden, die nämlich, die der Gegner braucht, um selbst sein Tor zu verstopfen. Wer das kurze Zeitfenster nicht nutzt, braucht einen genialen Moment, einen Abwehrfehler, ein Eckball-Kopfballtor von Niko Bungert, so etwas. Oder alternativ die Qualität von Bayern München, denen es nichts ausmacht, wenn's mal länger dauert. Die die Geduld haben, auch mal ihre Weltauswahl fünf Minuten scheinbar sinnlos im Kreis spielen und den genialen Moment dann einfach aus dem Ärmel schütteln zu lassen. Diese Qualität hat Mainz 05 natürlich nicht, egal, wie sehr Yoshinori Muto und Yunus Malli noch mit Manchester, BVB, wem auch immer in Verbindung gebracht werden, diese Qualität haben auch nahezu alle Gegner nicht. Diese Option fällt weg. Auf den glücklichen Zufall zu hoffen, das ist immer eine Option, aber nie eine schöne. Der erfolgreiche Standard ist eng verwandt mit dem Zufall.

Bleibt die Umschaltqualität, die Fähigkeit, wenige Sekunden zu nutzen. Die ist bei Mainz 05 mit Malli und Muto, mit Christian Clemens, Pablo de Blasis und Jairo Samperio, wahrscheinlich mit Jhon Córdoba, vielleicht mit Karim Onisiwo durchaus auf einem ordentlichen Niveau vorhanden. Der Großteil der - inklusive Pokal - 27 Saisontore ist so gefallen. Diese Qualität aber verliert ihren Wert schlagartig in dem Augenblick, in dem der Gegner mit einem 1:0 im Rücken einfach gar nichts mehr anbietet. In dem es nichts mehr zum Umschalten gibt. In dem die zurückliegende Mannschaft zu einem Ballbesitz gezwungen wird, den sie gar nicht haben wollte. Genau darauf läuft die aktuelle Strategie der meisten Bundesligisten hinaus, nicht zuletzt aus der simplen Überlegung heraus, dass das einfacher geht und somit erfolgsversprechender ist als das, was andere Strategien fordern. Bei den 05ern gab es das Brechstangentor in der 93. Minute von Augsburg. Sonst gab es nicht viel. Daher wäre am Samstag ein frühes Tor der Kölner sicherlich gar nicht uninteressant. Es würde den 05ern die Möglichkeit geben, ein letztes Mal unter Realbedingungen Lösungswege auszuprobieren oder anzuwenden, ohne dass ein Scheitern Schaden in der Tabelle anrichten würde. Mag ja sein, dass im Trainingslager neue Elemente ins Repertoire gekommen sind, die dem genialen Moment einen klugen Gedanken als weitere Option an die Seite stellen.

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