Wie der Airbag im Auto

Jörg Schneider/Christian Karn. Mainz.
Dass der FSV Mainz 05 dafür stimmen würde, war bekannt. Überraschend ist jedoch, dass sich die große Mehrheit der Bundesligaklubs ebenfalls dafür entschied: Ab der kommenden Spielzeit führt die Bundesliga die neue Torlinientechnik ein. Mit einem Abstimmungsergebnis von 15:3 gaben die Vertreter der 18 Erstligisten am Donnerstag in der Mitgliederversammlung der DFL in Frankfurt grünes Licht für das neue System. Beim ersten Versuch, die Technik einzuführen, waren im März dieses Jahres noch neun Vereine dagegen.

Was ist das Hawk Eye?

Es gibt drei Systeme, die die FIFA zur Überwachung der Torlinien zulässt. Deutschen Fußballfans ist vor allem das System "Goal Control" vertraut; das System aus dem nordrhein-westfälischen Würselen kam bei der Weltmeisterschaft zum Einsatz. In der Bundesliga wird es nicht eingeführt; die Vereinsvertreter entschieden sich für das System "Hawk Eye", das seit 2006 im Tennis, seit 2009 im Kricket und seit der vergangenen Saison in der englischen Premier League benutzt wird. Das 2001 vom britischen Mathematiker Paul Hawkins entwickelte und noch im gleichen Jahr von einem Fernsehsender bei einer Cricket-Übertragung eingesetzte System zeichnet mit mindestens vier Kameras (besser sechs oder sieben, im Tennis gar zehn) die Bewegungen des Balls auf und triangulieren aus den Bildern dessen statistisch wahrscheinlichste Position in einem bestimmten Moment. Der Schiedsrichter wird durch ein Signal an seine Uhr informiert, wenn der Ball hinter der Linie landet. Wie bei der Weltmeisterschaft kann das Ergebnis auch auf den Videowänden im Stadion dargestellt werden.

Hawk Eye soll auf 3,6 Millimeter genau sein; im Tennis wurde das System vor allem durch eine Szene im Wimbledon-Finale 2008 zwischen Roger Federer und Rafael Nadal mehrmals als zu ungenau kritisiert, unter anderem würde das System die Verformung eines Balls beim Aufprall nicht hinreichend berücksichtigen.

Der erste offizielle Testlauf im Fußball fand im Mai 2012 im Verbandspokalfinale Hampshires statt. Das erste dank Hawk Eye anerkannte Tor schoss Edin Dzeko am 18. Januar 2014 - ein halbes Jahr nach der Einführung.

Christian Heidel hatte im Vorfeld der Diskussion gesagt, er wolle wegen "so etwas" nicht absteigen. Der Manager des FSV Mainz 05 muss mit seiner Mannschaft die laufende Saison noch aus eigener Kraft überstehen. Nur so lange kann der theoretische Fall, wegen "so etwas" abzusteigen, noch eintreten. "So etwas", das ist, wenn der Schiedsrichter auf Tor entscheidet, der Ball aber nicht drin war.

Das soll es in Zukunft nicht mehr geben. Ab der kommenden Runde führt die Bundesliga die neue Torlinientechnik ein. Ab dann kriegen die Schiedsrichter ein technisches Hilfsmittel an die Hand, das den Unparteiischen die Entscheidung, ob ein Ball die Torlinie überquert hat, vereinfacht.

Christian Heidel sieht ganz genau hin. Wenn's um Tore geht, nimmt ihm das ab Sommer 2015 ein Kamerasystem ab. Foto: Jörg SchneiderZuletzt hatte sich der 05-Manager noch skeptisch gezeigt, dass die Entscheidung anders ausfallen würde als im März. Damals hatte die Einführung der Technik nicht die erforderliche Mehrheit erlangt. "Da war natürlich auch ein bisschen Taktik dabei", sagte Heidel im Anschluss an die Mitgliederversammlung der DFL in Frankfurt am Donnerstag. "Ich gebe aber offen zu, dass mich das klare Ergebnis überrascht. Damit hatte ich nicht gerechnet."

Abstimmen durften diesmal nur die Bundesligaklubs. Und davon waren drei dagegen. 15 Klubs stimmten dafür und sorgten damit für die erforderliche Mehrheit. "Es gab keine großen Diskussionenen mehr vorher", berichtete der 05-Manager. "DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig hatte das Ganze vorgstellt und auch die verschiedenen Systeme miteienander verglichen." Rettig habe etliche Beispiele aus England präsentiert, um zu zeigen, was das System kann, auf das sich die DFL und ihre Klubs letztlich einigten. In der Premier League wird die Technik seit dieser Saison erfolgreich angewendet.

Im DFL-Vorstand und der Geschäftsführung sei das Ganze durchaus kritisch diskutiert worden, die Verantwortlichen seien jedoch mit der klaren Empfehlung in die Vollversammlung gekommen, die Technik einzuführen. Rettig hatte vor der Abstimmung noch eine Aussage von Heidel zitiert. Der 05-Manager hatte vorher sinngemäß gesagt, die Torlinientechnik sei wie der Airbag im Auto. Das Ganze koste viel Geld, man brauche es die meiste Zeit über nicht und sei doch froh, wenn es im entscheidenden Moment ausgelöst werde.

"Ich glaube, das fasst es ganz gut zusammen", so der 51-Jährige. "Ich denke, die Technik wird viel zur Beruhigung aller im Stadion beitragen, falls es zu einer kniffligen Torentscheidung kommen sollte. Die Zuschauer sehen es innerhalb von Sekunden, ob der Ball drin war oder nicht. Und für die Schiedsrichter, die sowieso für die Einführung waren, wird es leichter. Wenn es solche Möglichkeiten gibt, Hilfsmittel ohne Zeitverlust in einem Spiel einzusetzen, warum denn nicht", sagte Heidel.

Dass sich am Donnerstag sechs Bundesligisten anders entschieden als im März dieses Jahres (seinerzeit lautete das Ergebnis 9:9) kann verschiedene Gründe haben. "Wir haben zwei neue Klubs in der Liga, zwei Vereine haben eine neue Geschäftsführung. Gut möglich, dass die Personalveränderungen auch eine Veränderung der Stimmen ermöglicht haben." Heidel gehörte ohnehin zu den Vereinsvertretern, die auch im März schon für die neue Technik votiert hatten.

Die Liga entschied sich in Frankfurt für das so genannte Hawk-Eye-System und nicht für die Technik, die bei der Weltmeisterschaft in Brasilien zum Einsatz gekommen war. Laut DFL-Geschäftsführung sei ein "exzellenter Preis" in den Verhandlungen erzielt worden. Das System soll zwischen 150.000 und 180.000 Euro pro Saison und Verein kosten und wird ab 1. Juli nächsten Jahres zunächst nur in der Bundesliga installiert.

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