"Wir haben einen neuen Deutschen Meister - FSV Mainz 05"

Christian Karn. Mainz.
"Liebe Sportfreunde", heißt es in einem eingespielten Tonschnipsel im Mainz-05-Hit "Liebe meines Lebens" der Mainzer Band Rimini Piranhas, "wir haben einen neuen Deutschen Meister: FSV Mainz 05!" Das ist eine Erinnerung an den ersten Titel der 05er auf DFB-Ebene, die Deutsche Amateurmeisterschaft 1982. Die nullfünfMixedZone erzählt in dieser Folge der Reihe "Geschichten von früher", wie ein Rückschritt den für den lange Zeit herausragenden größten Erfolg der Vereinsgeschichte ermöglichte.

1976 lag der FSV Mainz 05 in Trümmern. In der 2. Bundesliga hatten sich die 05er finanziell völlig übernommen; um die Existenz des Traditionsvereins nicht zu gefährden, verzichtete der Vorstand auf einen Lizenzantrag für die Saison 1976/77 - die 05er zogen sich freiwillig in den Amateurfußball zurück. Die Hintergründe dieser drastischen hat die nullfünfMixedZone im vorigen Beitrag dieser Serie erklärt.

Die Fallhöhe war gewaltig. Bei der Einführung der 2. Liga hatten einige Verbände den Unterbau vernachlässigt. Eine Ebene unter der zweigleisigen Profiliga gab es im Norden bereits eine Oberliga für Vereine aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Hamburg; in den übrigen Regionen holten das erst 1978 nach. Die 05er fielen also aus der 2. Bundesliga direkt in die heutige Verbandsliga, die damalige Amateurliga Südwest, in der sie statt gegen den VfB Stuttgart, den 1. FC Nürnberg und den TSV München 1860 gegen den SV Guntersblum, den FC Rodalben und Viktoria Herxheim spielten. Die alten Bekannten aus dem Saar- und Rheinland wie Eintracht Trier oder Borussia Neunkirchen hatten ihre eigenen Verbandsligen.

Dass es selbst auf diesem bescheidenden Niveau nur für einen guten Mittelfeldplatz reichte, hatte zwei Gründe. Zum Einen gab es neben Guntersblum, Rodalben und Herxheim auch namhaftere Gegner: Wormatia Worms wurde Meister vor der aufstrebenden Hassia Bingen und Eintracht Bad Kreuznach. Zudem hatten die 05er sich nach dem Rückzug von etlichen Stammspielern trennen müssen. Paul Göppl und Günther Rybarczyk spielten nun für den FC Villingen, Erwin Hohenwarter für Röchling Völklingen, Gerd Schwickert für den FC Homburg, Sigi Köstler für Darmstadt 98, Werner Nickel für Eintracht Bad Kreuznach - und Herbert Scheller in der Bundesliga für den 1. FC Kaiserslautern. Übrig waren der Torwart Hermann Lutz, der alte bundesliga-erfahrene Verteidiger Herward Koppenhöfer, der als Libero weiterspielte, das Linksverteidigertalent Gerhard Bold, der in der Zweitligasaison 1975/76 den Durchbruch geschafft hatte, der nicht minder begabte Mittelfeldspieler Helmut Zahn, außerdem Spielmacher Franz-Peter März, und die Torjäger "Bimbo" Bopp und Gerd Klier - letzterer wurde im Winter mehr oder weniger aus dem Verein geekelt; die 05er konnten sich den teuren Stürmer nicht leisten.

Die Neuzugänge kamen aus unteren Ligen. Der Mittelfeldspieler Werner Orf vom TSV Schott schaffte es ein paar Jahre später sogar zwischenzeitlich in die 2. Bundesliga, die anderen kamen von Mombach 03, Nierstein, Kastel 06. Dass die 05er drei Leistungsträger des SV Weisenau abgeworben hatten, führte im Derby am 11. Spieltag vor 2.300 Zuschauern an der Weisenauer Bleichstraße zu einer üblen Treterei mit diversen Verletzungen und Platzverweisen. 

Meisterschaft im zweiten Jahr

Die Mainzer Meistermannschaft der Saison 1977/78. Hinten v.l.: Co-Trainer Hubert Friedrich, Manfred Weise, Michael Hauschild, Harald Kiss, Alfred Oehrlein, Willi Reichert, Wilfried Eifinger, Werner Orf, Karl-Heinz Schäfer, Rainer Krönung, Trainer Horst Hülß. Vorne v.l.: Peter Sambale, Rudi Collet, Willi Rodekurth, Franz-Peter März, Arno Hand, Günther Martin, Hans-Joachim Krämer, Herward Koppenhöfer, Manfred Nimführ, Werner Reinhard.Im zweiten Amateurligajahr integrierten die 05er sogar erstmals seit Jahren wieder eigene Jugendspieler: Torwart Günther Martin, Verteidiger Werner Reinhard, Rechtsaußen Alfred Oehrlein und der Spielmacher Rudi Collet hatten teils schon 1976/77 debürtiert, standen mit den A-Junioren im Halbfinale der Deutschen Meisterschaft (4:1 und 0:4 gegen den MSV Duisburg) und wurden nun Leistungsträger in der ersten Mannschaft. Lediglich Axel Brummer ging den 05ern verloren; das Mittelfeldtalent wechselte 1979 von den Mainzer A-Junioren direkt in die Bundesliga zum FCK. Dennoch: Die 1971 durch die Rückkehr der 05-Legende Gerd Higi vom FCK an den Bruchweg intensivierte Jugendarbeit zeigte nun Ergebnisse. Die 05er hatten nur ein Jahr nach dem Rückzug wieder eine Mannschaft aufgebaut, die den Wiederaufstieg angreifen konnte. Mainz 05 wurde Meister der Amateurliga, verlor aber in der Aufstiegsrunde gegen die Saar- und Rheinlandmeister Borussia Neunkirchen und TuS Neuendorf (heute TuS Koblenz) alle vier Spiele.

Einer der Höhepunkte der späten 1970er: Vor allerdings nur 2.281 Zuschauern spielten die 05er im Müngersdorfer Stadion gegen den Vorjahres-Europapokalhalbfinalisten 1. FC Köln. Die Mannschaft um Manfred Nimführ, Torwart Kurt Gass und Willi Reichert (dunkle Trikots, von links) verloren die 05er das Pokal-Erstrundenspiel 1:5.

Den Koblenzern begegneten sie 1978/79 wieder im Ligabetrieb: Die drei Südwestverbände hatten als Zwischenstation zwischen dem Profifußball und ihren eigenen Topligen ihre gemeinsame Amateur-Oberliga eingeführt. Die 05er spielten wiederum lange um die Meisterschaft mit. In der Hinrunde hatte Trainer Horst Hülß nach einer peinlichen 0:4-Niederlage in der Eifel beim Tabellenletzten SV Speicher zurücktreten wollen, konnte aber zum Weitermachen überredet werden, obwohl die 05er das erhoffte Trainingslager nicht bezahlen konnten. Dafür revanchierten sie sich im Rückspiel mit einem 10:0 gegen den SVS, der noch wesentlich höher hätte ausfallen können: Der Speicherer Torwart Dieter Urbatzka machte trotz der zehn Gegentore ein starkes Spiel. Den Anschluss verloren die 05er am 31. Spieltag bei den Amateuren des 1. FC Kaiserslautern. "Der Südwestfunk hat mir schon zum Sieg gratuliert", erinnerte sich Trainer Horst Hülß 30 Jahre später. "Dieses Spiel mit den Toren in den Schlussminuten kann man kaum erklären." Die 05er hatten 2:0 geführt, aber in der 80., 89 und 90. Minute drei Gegentreffer kassiert. Am Ende waren sie Dritter. 

Südwestpokalsieger 1980: Im Vordergrund links Volker Hafner und Trainer Horst Hülß, rechts Manfred Nimführ, Franz-Peter März (hinter ihm Kurt Gass) und Charly Mähn.Aber auch dank weiterer Verstärkungen aus dem Nachwuchs war zu sehen: Da entsteht etwas. Auch auf dem anspruchsvolleren Niveau der Amateur-Oberliga hatte Mainz 05 schon eine Spitzenmannschaft. Nach der Saison wechselten allerdings Oehrlein (zu Wormatia Worms) und Collet (zu Darmstadt 98) in den Profifußball. Charly Mähn, das nächste Talent aus der Jugend, war sofort Stammspieler, schoss aber noch keine Tore. Daher wurden die 05er 1980 nur Fünfter - und Südwestpokalsieger.

Neuer Reichtum

1980 gab es die Revolution im Verein. Nicht nur einen Generationswechsel - die komplette Defensive sowie Torjäger Bopp verließen den Verein - sondern auch mit Herbert Dörenberg einen neuen Trainer. Und neues Geld: Jürgen Jughard, der Generalbevollmächtigte des größten Leasing-Unternehmens Europas, stieg als neuer Macher ein. Jughard hatte zuvor als Mäzen die SG Harxheim in die vierte Liga gehievt, jetzt wollte er Mainz 05 in den Profifußball zurückbringen. Seine Bedingungen: Der Chefsessel im Verein - und keine Fragen stellen.

Mit dem neuen Reichtum gingen die 05er sofort wieder einkaufen. Aus Harxheim kam Jürgen Janz zurück, außerdem holten sie den Neuendorfer Star Ludwig Scherhag und von TuS Schornsheim einen weiteren wichtigen Mann, den Libero Jürgen Menger. 1981 waren sie zum zweiten Mal nach dem Rückzug Südwestmeister - aber zum falschestmöglichen Zeitpunkt: Weil in jenem Sommer die 2. Liga auf eine Staffel reduziert wurde, gab es ausnahmsweise gar keine Aufsteiger aus den Oberligen. Ärgerlich.

Und trotz weiterer hochkarätiger Einkäufe (Scheller als Rückkehrer vom TSV München 1860, Bopp als Rückkehrer von Kastel 06, außerdem Karl-Heinz Halter und Helmut Wagner aus Pirmasens und Erich Klasen aus Eisbachtal) reichte es 1981/82 nur für die Vizemeisterschaft. Die 05er hatten zwar mit Scheller, Menger, Janz, Michael Wocker und Hans Keller die überragende Abwehr der Oberliga, die in 40 Spielen nur 37 Tore kassierte, und mit Bopp (20 Saisontore), Scherhag (15), Wagner und Mähn (jeweils 10), Halter und Klasen (jeweils 5) eine großkalibrige Offensive, aber der FC Homburg war noch ein bisschen besser.

Zwei Titel in einer Woche

Das Positive an der Vizemeisterschaft: Die Zweiten der Oberligen waren qualifiziert für die Deutsche Amateurmeisterschaft, die zwar von ihrem alten Glanz einiges verloren hatte, aber immer noch ein bundesweiter Wettbewerb war. Ganz unproblematisch war das nicht für Mainz 05, weil gleichzeitig der Südwestpokal anstand und sie sich nicht auf einen Wettbewerb konzentrieren wollten: Die Einnahmen aus einem DFB-Pokalspiel gegen einen Bundesligisten waren zu wichtig. Zwei Wochen lang musste die Mannschaft im 48-Stunden-Rhythmus auf den Platz - und gewann alle neun Spiele. Den Südwestpokal sicherte sie sich mit einem 2:1 gegen Bad Kreuznach. 

Die Viertelfinalspiele der Amateurmeisterschaft gegen die prominente, aber lustlose Truppe von Viktoria Köln war kein Problem für die 05er, die beide Partien 4:1 gewannen. Hertha Zehlendorf war im Halbfinale schon ein größerer Brocken, aber wiederum setzten sich die 05er durch, diesmal mit 1:0 und 3:2. Im Endspiel trafen die 05er am Bruchweg auf den einzigen Oberligameister im Wettbewerb: Die Amateure von Werder Bremen mussten Arminia Hannover die Aufstiegsrunde überlassen, weil Werder ja schon eine Profimannschaft in der Bundesliga hatte. 7.000 Zuschauer sahen am Bruchweg ein ausgeglichenes Spiel, das die 05er dank des überragenden Scherhag nach gut einer Stunde mit drei Toren binnen neun Minuten entschieden: Charly Mähn (zwei Tore) und Scherhag selbst trafen zum 3:0.

Mit dieser Mannschaft wollten die 05er nach der Amateurmeisterschaft den Wiederaufstieg weiter anstreben. Zweiter von rechts: Präsident Jürgen Jughard, der wenig später ums Leben kam.Die Euphorie hielt jedoch nur wenige Wochen. Dann passierte die nächste Katastrophe. Jughard kam auf der Autobahn bei Koblenz ums Leben, Mainz 05 wurde in eine existenzbedrohende Krise gezogen. Diese Geschichte erzählt die nullfünfMixedZone in der nächsten Folge dieser Serie.

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Als nächstes erscheint: Absturz ohne Vorwarnung - die Jughard-Affäre

 

 

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