Zunehmend abwärts

Christian Karn. Ingolstadt.
Richtig dramatisch ist die Lage immer noch nicht: Der FSV Mainz 05 verliert vor sich hin, unterlag nach dem 1:3 in Darmstadt vor drei Wochen auch beim Vorletzten der Tabelle, steht aber immer noch über dem Strich, kann immer noch aus eigener Kraft die Probleme lösen. Wenn er's kann: Das 1:2 beim FC Ingolstadt 04 mag in seiner Schlüsselszene sogar unglücklich zustande gekommen sein, aber schon für den Ausgleich hatten die 05er ein Zufallsprodukt gebraucht. Aus eigener Kraft brachte die Mannschaft von Martin Schmidt 97 Minuten lang überhaupt nichts auf den Platz, das nach Bundesligafußball aussah.

FC Ingolstadt 04 - FSV Mainz 05 2:1 (1:0)

Sonntag, 2. April 2017, 14.000 Zuschauer.

FC Ingolstadt 04: Hansen - Matip, Roger, Brégerie - Hadergjonaj, Morales, Cohen, Suttner (84. Tisserand) - Leckie (76. Kittel), Groß - Lezcano (89. Hinterseer).
Reserve: Nyland, Jung, Christiansen, Multhaup. Trainer: Walpurgis.

FSV Mainz 05: Lössl - Balogun (46. Donati), Bell, Bungert (67. Serdar), Brosinski - Ramalho, Gbamin - Öztunali, Latza (80. Quaison), de Blasis - Córdoba.
Reserve: Huth, Muto, Bojan, Jairo. Trainer: Schmidt.

Schiedsrichter: Ittrich (Hamburg).

Tore: 1:0 Brégerie (10., Suttner), 1:1 Öztunali (70., direkter Freistoß), 2:1 Hadergjonaj (73., Groß).

Gelbe Karten: Matip, Hadergjonaj, Tisserand, Hansen - Balogun, Ramalho, Latza.

Das direkte Duell zwischen dem FSV Mainz 05 und dem FC Augsburg wird es in dieser Saison nicht mehr geben. Sollte es auf den direkten Vergleich ankommen, hätten die 05er diesen in der Tasche, aber die Partien der beiden schlechtesten Bundesligateams dieser Wochen sind schon einige Zeit her. Wer die allerschlechteste ist, ist schwer zu sagen. Mainz 05 ist jedoch ein klarer Kandidat nach dem 1:2 in Ingolstadt, der dritten Niederlage in Folge, der vierten Rückrunden-Niederlage gegen einen direkten Konkurrenten. Die Mainzer taumeln vielleicht nicht dem direkten Abstieg entgegen, aber zumindest ohne große Anzeichen auf Besserung dem Relegationsplatz. Den haben momentan die Augsburger. Vielleicht sind die noch schlechter. Vielleicht berappeln sich die Mainzer auch von selbst, acht Spiele bleiben ja immer noch, auf einem Abstiegsplatz waren und sind sie immer noch nicht.

Sie begannen das wichtige Spiel ungewöhnlich defensiv mit allen Innenverteidigern bis auf Alexander Hack in der Startelf. Niko Bungert und Stefan Bell spielten direkt vor Jonas Lössl, Leon Balogun war Rechtsverteidiger. André Ramalho und Jean-Philippe Gbamin bildeten die Doppelsechs. Dazu kamen Linksverteidiger Daniel Brosinski und der defensive Mittelfeldspieler Danny Latza als verkappter Zehner. Als echte Offensivspieler blieben lediglich Mittelstürmer Jhon Córdoba vor den Außenspielern Pablo de Blasis und Levin Öztunali.

Und so sah's dann auch aus in der miserablen ersten Hälfte. Die Mainzer hatten keinerlei konstruktiven Spielaufbau, schlugen unbrauchbare Bälle nach vorne, wehrten, so gut es ging, die zahllosen Standards ab. Und hatten beim Eckball in der zehnten Minute Romain Brégerie nicht auf der Rechnung. Schon war's passiert, 1:0 für Ingolstadt. Und nach der doppelten Zeit, der dreifachen Zeit, zur Halbzeit stand die Frage weiterhin ganz groß im Raum: Was hat Martin Schmidt, was hat die Mannschaft in den zwei Wochen seit dem letzten Ligaspiel überhaupt gemacht? Auf die vorhersehbare Aufgabe wirkte Mainz 05 völlig unvorbereitet. Sie hatten in der ersten Hälfte nicht eine gute Aktion, nicht mal ein Zufallsprodukt. Bundesligafußball sieht anders aus. Fußball sieht anders aus. Abstiegskampf sieht anders aus.

Nach dem Abpfiff herrschte erst einmal tiefe Depression bei Daniel Brosinski und den restlichen 05ern. Es liegt nur an der Schwäche der Konkurrenz, dass die 05er immer noch nicht auf dem Relegationsplatz stehen. Foto: imagoDer FCI hatte sich natürlich weit zurückgezogen nach dem Führungstor, übte längst keinen so starken Druck mehr aus wie in den ersten Minuten. Zwang die 05er in den Ballbesitz. Dass diese damit nichts anfangen können, hatten sie schon im Test gegen den Karlsruher SC gezeigt. Und zeigten sie nun wieder. Es gab überhaupt keine Steigerung gegenüber dem Testspiel, es gab Anzeichen für Bemühen einer Mannschaft mit zu wenig Aufbau-Elementen, mit zu wenig Spielkultur im Repertoire. Einer Mannschaft, die viel zu defensiv aufgestellt war, die in vorderen Bereichen auf die Spontanität der Aufbauspieler und auf Einzelaktionen in Unterzahlsituationen angewiesen war. Und sonst gab es nicht viel. Eher als der Ausgleich wäre das 2:0 gefallen, als Jonas Lössl einen Schuss, der am Tor vorbeigeflogen wäre, im Spiel hielt, Bell sich von Dario Lezcano düpieren ließ, der Stürmer aber das kurze Eck verpasste (38.). Oder als in der 44. Minute der Ingolstädter Angriff einfach keine Gegenwehr fand, bis Matthew Leckies Schuss senkrecht in die Höhe abgefälscht wurde, harmlos wurde. Oder bei Markus Suttners Kopfball in der 45. Minute, der weit übers lange Eck flog. Die erste Hälfte war inakzeptabel, in nahezu jedem Aspekt.

Martin Schmidt sah dann auch ein, dass das mit Balogun auf der Außenbahn keine so gute Idee war und brachte zur Halbzeit den Stammspieler, den Antreiber ins Spiel, Giulio Donati, der prompt nach 15 Sekunden einen Eckball erzwang. Die erste Flanke war nichts, eine zweite kam, wirkte gefährlicher als alles, was die 05er bis dahin gezeigt hatten. Führte jedoch nicht zum Torschuss. Der kam in der 47. Minute, durch Zufall. Córdoba hatte sich auf der linken Seite gut gegen zwei Mann durchgesetzt, einen schlechten Pass zwar gespielt, aber der abgewehrte Ball fiel per Querschläger Öztunali vor die Füße. Der schoss, Hansen hielt. Und in der 56. Minute gab es sogar einen Angriff. De Blasis auf Córdoba auf Öztunali, Seitenwechsel von links nach rechts, Torschuss, abgefälscht, vorbei. Und dennoch ein Ansatz für Hoffnung - der Rückstand war ja knapp. Ein Tor fehlte ja nur zum Gleichstand. Und die 05er machten immer noch vieles falsch, vieles schlecht, aber mehr richtig als in der ersten Hälfte. Auch der Kopfball von Jhon Córdoba kam zwar nicht aufs Tor (62.), war aber wieder ein Abschluss, wenigstens das. Und vielleicht würde ja Suat Serdar bei seinem Comeback nach langer Verletzung - Bungert ging raus, Gbamin und Latza rückten jeweils eine Position zurück - in den letzten 25 Minuten den rettenden Impuls bringen.

Und auf einmal stand es 1:1. Ohne Serdars Beteiligung. Ein Freistoß war's, eine Flanke von links, von Öztunali geschossen, de Blasis und Marvin Matip über den Kopf gerutscht, eher war keiner der beiden dran. Der Ball sprang auf, tunnelte Hansen - der Ausgleich in der 70. Minute. Ein Signal, der Auftakt zur Wende? Nein. Sogar völlig wertlos. Denn als das Spiel nach einer kleinen Pause weiterging - Schiedsrichter Patrick Ittrich, der das Spiel vielleicht etwas zu kleinlich, aber unterm Strich gut leitete, hatte Probleme mit dem Bein, musste sich durch die Schlussphase quälen, behielt die Übersicht - gab es schnell einen Freistoß für Ingolstadt, einen Pass auf den Flügel, eine Flanke in den leeren Strafraum, die sich ganz merkwürdig an den langen Pfosten drehte - 2:1. Ein Torwartfehler? Schwierig - Lössl zog schnell zurück. Unterschätzte den Ball. Oder wusste: der kommt hoch, der ist unerreichbar. Wahrscheinlich war er unerreichbar. Lössl hätte nahe am langen Pfosten stehen müssen, um heranzukommen. Letztlich egal - 2:1 für Ingolstadt, so oder so.

Und mehr als ein letztes Aufbäumen war nicht mehr drin - zu lange dauerte es, bis die 05er sich vom schnellen Rückschlag erholt hatten. Ittrich hatte weiterhin Probleme. Ingolstadt fing mit dem Zeitspiel an. Schmidt brachte erst in der 80. Minute mit Robin Quaison einen vierten Offensivspieler. Die Abwehr löste sich auf, Stefan Bell war am Ende mehr Stürmer als sonst etwas. Quaison schickte in den letzten Sekunden vor der langen Nachspielzeit noch einen Kopfball knapp neben das Tor. Die 05er kapitulierten nicht. Sie wussten nicht weiter, aber wenigstens kapitulierten sie nicht.

In der Nachspielzeit hätte es aber keinen Unterschied mehr gemacht. Ramalho verhinderte noch einmal mit einer Rettungsgrätsche gegen Pascal Groß das 1:3, vielleicht hätte sonst auch Lössl den Ball gehalten, der Torwart stand gut (90+1.). Obwohl aber Ittrich allen Schmerzen zum Trotz die Nachspielzeit noch eine Weile verlängerte, um das Ingolstädter Zeitspiel auszugleichen, reichte es am Ende nicht mehr für einen erneuten Ausgleich.

Der direkte Abstiegsplatz ist immer noch weit weg. Und die tatsächliche Leistungsstärke Ingolstadts ist schwer einzuschätzen nach einem Spiel mit 85 Minuten Führung, aber Ingolstadt war wirklich nicht stark, wird mit einer derartigen Leistung nicht viele Spiele gewinnen. Jedoch spricht nichts dafür nach diesem Spiel, dass die 05er noch viele Punkte gegen den Relegationsplatz holen werden. Vielleicht müssen sie am Ende froh sein, dass Augsburg auch nicht besser ist. Vielleicht müssen sie am Ende hoffen, dass Augsburg auch nicht besser ist.

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