Zwei Spieler kennt man noch

Christian Karn. Mainz.
Vor 14 Monaten erst hat Mainz 05 im Trainingslager in Albertville 1:1 gegen die AS Saint-Étienne gespielt. Viel wiedererkennen werden die beiden Mannschaften, die heute abend (19 Uhr) am ersten Spieltag der Europa League in den Bretzenheimer Feldern aufeinandertreffen, jedoch nicht mehr: Die 05er werden unter anderem ohne Karius, Park, Latza, Jairo, Niederlechner, Jara, Moritz und Zimling spielen, auch bei der ASSE werden heute wohl nur noch zwei Mann aus der Testspielstartelf erneut in die Anfangsformation kommen. Ein 05er dagegen hätte heute offenbar auch im grünen Trikot in Mainz auflaufen können.

Vielleicht sieht man in der Mainz Arena - der Namenssponsor hat offiziell in der Europa League nichts zu melden, die UEFA hat das Stadion kurzerhand umgetauft - heute abend den Favoriten zum Gruppensieg. Auf jeden Fall ist die AS Saint-Étienne schon wesentlich weiter als die 05er; weil die französische Liga schon vier Spieltage alt ist und die ASSE durch zwei Europa-League-Qualifikationsrunden musste, hat sie schon acht Pflichtspiele hinter sich, fünf mehr als die 05er.

International haben sich die Franzosen gegen AEK Athen und Beitar Jerusalem durchgesetzt. Zweimal spielten sie zuhause 0:0, die Griechen schlugen sie im Rückspiel durch ein Tor von Robert Beric 1:0, Beitar bereits im Hinspiel durch ein Eigentor und einen Treffer von Fabien Lemoine 2:1. Der Start in die Ligue 1 ist leidlich geglückt; im Auftaktspiel verlor die ASSE 2:3 in Bordeaux, dann schlug sie den Montpellier HSC 3:1. Gegen den Toulouse FC gab es ein 0:0, bei Paris Saint-Germain zuletzt ein 1:1, wieder mit einem Tor von Beric. Das addiert sich für den Vorjahressechsten auf fünf Punkte, 6:5 Tore, Platz 12 von 20.

Die ASSE ist allerdings noch mittendrin in einem Verjüngungsprozess, hatte erst bei den beiden Remis die neue Mannschaft komplett beisammen. Einige alte Helden haben den Verein verlassen; vor allem den 30-jährigen Innenverteidiger Moustapha Sall, der (unterbrochen von einer halbjährigen Ausleihe nach Nancy) seit 2006 für Saint-Étienne spielte und im vergangenen Jahr noch Stammspieler war, vermissen die Fans. Ein Kandidat für die Nachfolge des Senegalesen, der nach Katar wechselte, spielt übrigens in Mainz: Jean-Philippe Gbamin hatte offenbar auch ein Angebot der ASSE. Auch der 32-jährige Linksverteidiger Benoît Assou-Ekotto und der 31-jährige zentrale Mittelfeldspieler Renaud Cohade, die zum FC Metz gingen, spielten durchaus noch eine Rolle. Ein Verlust ist sicherlich Valentin Eysseric, der im offensiven Mittelfeld nicht immer Stammspieler, aber ein guter Torschütze war, aber dem OGC Nizza zurückgegeben werden musste und heute abend gegen Schalke spielen wird. Die restlichen Abgänge (Rechtsverteidiger Francois Clerc, Linksverteidiger Jonathan Brison, der von PSG geliehene Stürmer Jean-Christophe Bahebeck, der nach Brest ausgeliehene Angreifer Neal Maupay) waren eher Ergänzungsspieler.

05-Neuzugang Jean-Philippe Gbamin (links, im grellen Mainzer Notfalltrikot) hat sich einstweilen im Mittelfeld durchgesetzt. Offenbar hätte auch Saint-Étienne den Franzosen gern verpflichtet. Foto: Vigneron

Für Assou-Ekotto hat die ASSE noch keinen Nachfolger gefunden. Mit Pierre-Yves Polomat, der aus der eigenen Jugend stammt, schon quer durch Frankreich verliehen wurde und in dieser Saison dreimal spielte, dem 28-jährigen Senegalesen Cheick M'Bengue (neu von Stade Rennes, zwei Einsätze), dem 26-jährigen Innenverteidiger Florentin Pogba (großer Bruder des teuersten Fußballers der Welt, zwei Einsätze) und dem 18-jährigen Ronaël Pierre-Gabriel haben schon vier Mann links verteidigt, immerhin mit dem Erfolg, dass die ASSE in acht Spielen nur sechs Gegentore bekommen hat. Der Rest der Abwehr steht relativ stabil: Rechts hat sich der 25-jährige Kévin Malcuit gegen den ein Jahr älteren Kévin Théophile-Catherine durchgesetzt. Der konkurriert nun mit Pogba und Kapitän Loïc Perrin, der 2003 aus der eigenen Jugend kam und inzwischen weit über 300 Mal für die ASSE gespielt hat, um zwei Plätze in der Innenverteidigung - zuletzt beim 1:1 in Paris spielten alle drei in einem 3-5-2-System.

Auf die Abwehr könnte es der ASSE in Mainz (sowie den folgenden beiden Europa-League-Spielen) besonders ankommen, denn im Tor haben die Franzosen ein Problem: Stéphane Ruffier, immer mal Ersatztorwart der französischen Nationalmannschaft, seit seinem Wechsel von der AS Monaco nach Saint-Étienne vor fünf Jahren in der Liga immer und in den Pokalwettbewerben fast immer aufgestellt, ist gesperrt. Der 30-Jährige hatte sich im Heimspiel gegen Jerusalem mit einem Faustschlag ins Hinterteil des ehemaligen Lauterers Itay Schechter für dessen harte Grätsche revanchiert und fehlt drei Mal. Sein Ersatzmann dürfte eher der 30-jährige Jessy Moulin sein als der 18-jährige Anthony Maissonial. Spielpraxis auf Profiniveau haben beide nicht.

Vor etwas mehr als einem Jahr spielte Mainz 05 in Albertville gegen eine Elf aus Saint-Étienne, von der man heute wahrscheinlich nur noch zwei Mann sehen wird. Et voilà: links Florentin Pogba, rechts Romain Hamouma. Und vorne Loris Karius, einer der vielen 05er, die auch nicht dabei sein werden. Foto: imagoIm Mittelfeld wird die ASSE wohl mit drei Mann auflaufen. Absolut gesetzt ist bisher der norwegische Nationalspieler Ole Selnaes als zentraler Sechser. Der 22-Jährige, der vor elf Tagen beim 0:3 der Norweger im WM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland in der 61. Minute, direkt nach dem dritten Gegentor, eingewechselt wurde, kam vor einem halben Jahr zusammen mit seinem 29-jährigen Landsmann Alexander Söderlund von Rosenborg Trondheim nach Saint-Étienne. Jener hat schon in Bulgarien, Italien, Belgien und Island gespielt, war auch mal Nationalspieler, ist bei der ASSE ein großer, durchaus nicht ungefährlicher Einwechselstürmer. An Selnaes' Seite kann man sicherlich Fabien Lemoine erwarten. Der 29-Jährige ist seit seinem Wechsel von Stade Rennes Stammspieler im defensiven Mittelfeld. Der dritte Mann könnte ein Neuzugang sein, der 23-jährige Jordan Veretout, der erst Ende August von Aston Villa ausgeliehen wurde.

Vorne spielt Saint-Étienne in dieser Saison meist mit drei Mann. Um den Platz im Sturmzentrum konkurrieren seit einem Jahr zwei Mann, die bewiesen haben, viele Tore schießen zu können. Robert Beric hat bisher das größere Ausrufezeichen gesetzt: In 38 Spielen in der österreichischen Bundesliga für Rapid Wien schoss der 25-jährige Slowene 2014/15 sowie in den ersten Spielen der vergangenen Saison 30 Tore. 5,5 Millionen Euro soll die ASSE für Beric bezahlt haben. Wegen einer schweren Verletzung konnte er jedoch in der verbleibenden Saison nur 14 Mal für die Franzosen spielen. Inklusive seiner sieben Einsätze in der laufenden Spielzeit hat der 1,88 Meter lange Stürmer acht Tore für den 05-Gegner geschossen. Während seiner Absenz war der 28-jährige Nolan Roux, ein eher mittelgroßer Stürmer, der im vergangenen Sommer vom Lille OSC nach Saint-Étienne kam, mit neun Saisontoren der Torjäger.

Auf den Flügeln greifen in der Regel der marokkanische Nationalspieler Oussama Tannane an, der im Januar von Heracles Almelo kam und bisher nicht oft getroffen hat, sowie der 29-jährige Romain Hamouma, ein torgefährlicher Mann, der seit 2012 für die ASSE spielt. Allerdings setzt sich offenbar gerade ein weiterer Leihspieler aus der Premier League durch, der senegalesische Nationalspieler Henri Saivet, der lange ein Leistungsträger bei Girondins Bordeaux war, im Januar zu Newcastle United wechselte, dort gar keine Rolle spielte, und nun für ein Jahr nach Saint-Étienne ausgeliehen wurde.

Obwohl sie erst vor einem Jahr im Trainingslager 1:1 gegen die ASSE gespielt haben, müssen die 05er die meisten dieser Spieler erst noch kennenlernen. Torwart Moulin, die Verteidiger Malcuit, Théophile-Catherin, Perrin und M'Benge, die Mittelfeldspieler Selnaes, Lemoine und Veretout, die Angreifer Beric, Roux, Tannane und Saivet waren alle nicht dabei. Lediglich an Pogba und Hamouma dürften sich die Mainzer erinnern. Aus der damaligen 05-Startelf werden heute Loris Karius, Joo-Ho Park, Danny Latza, Jairo Samperio und Florian Niederlechner nicht dabei sein, ebensowenig sämtliche elf Einwechselspieler bis auf Yoshinori Muto, Suat Serdar und vielleicht Alexander Hack.

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