Zwei Varianten, keinen Stürmer zu holen

Christian Karn
Angeblich habe der FSV Mainz 05 kurz vor Transferschluss versucht, noch einen Stürmer zu holen. Viel mehr als angeblich hat Bayer Leverkusen kurz vor Transferschluss versucht, noch einen Stürmer zu holen. Beide Kandidaten werden heute im Duell der beiden Bundesligisten nicht spielen. Die 05er wären bei ihrem Transferversuch so geräuschlos gescheitert, dass keiner weiß, ob es ihn überhaupt konkret gab. Leverkusen hat einfach vollendete Tatsachen geschaffen, hat nun krachenden Streit mit River Plate, das überzeugende Argumente darlegt. Der Versuch, neumodisches Transfergebaren zu verstehen.

Mit Stürmern ist das ja so eine Sache. Jeder Trainer will einen haben, hat er einen, will er am liebsten noch einen, und wenn der Stürmer, den er haben will, auch noch einigermaßen etwas taugt, dann ist er teuer. Mainz 05, das ging relativ unbeachtet, weil es nach Transferschluss sowieso egal war, durch die Medien, habe kurz vor knapp noch versucht, den Argentinier Guido Carrillo zu bekommen, der aber viel zu teuer gewesen sei. Und das stimmt entweder oder nicht oder doch oder vielleicht, das weiß der Sportdirektor besser und Sportdirektoren - außer Horst Heldt - pflegen über solche Dinge nicht mehr als nötig zu reden.

Der heutige Gegner der 05er, Bayer Leverkusen, hatte offenbar Hoffnung oder Gewissheit oder was auch immer, kurz vor knapp den Argentinier Lucas Alario zu bekommen. Und anders als den 05ern, die - wenn's denn stimmt - halt von der Verpflichtung ihres Stürmers abgesehen haben, hat sich Bayer offenbar in eine verzwickte Lage manövriert, die dem Bundesligisten fürchterlich um die Ohren fliegen könnte.

Es ist bekannt und wird nicht angezweifelt, dass Alario bislang in Buenos Aires für den Club Atlético River Plate spielte. Es ist weiterhin bekannt und wird nicht angezweifelt, dass River den Stürmer vor zwei Jahren aus Santa Fe verpflichtet hat, vom Club Atlético Colón. Und außerdem, dass Alario sich inzwischen in Deutschland aufhält und seit Dienstag bei Bayer Leverkusen trainiert - morgen aber nach aktuellem Stand nicht spielberechtigt ist.

Alles Weitere sind Behauptungen. Bayer behauptet: Die in Alarios Vertrag vorhandene Ausstiegsklausel (24 Millionen Euro) wurde gezogen. Das Geld wurde bezahlt (und zwar zunächst an den argentinischen Fußballverband AFA, der das bestätigt - River bestreitet das nicht). Die Freigabe ist zu erteilen.

"Nein, ist sie nicht!", sagt River Plate. "Bayer Leverkusen hat den Spieler zum Vertragsbruch angestiftet, das ist" - Verweis auf Artikel 16 der FIFA-Regularien - "illegal und illegitim." Inzwischen hat River den kompletten Schriftwechsel veröffentlicht. Und das macht die ganze Geschichte hochinteressant.

Unter der Überschrift "Cronología y documentación de la situación de Lucas Alario" - um das zu verstehen, braucht man keine großen Spanischkenntnisse, alle weiteren Zitate werden wir übersetzen - führt der argentinische Vizemeister auf:

"Wir erwarten Ihre hoffentlich positive Antwort" steht im ersten Schreiben bezüglich Lucas Alario über den Unterschriften von Sportchef Rudi Völler (links) und Manager Jonas Boldt. Die kam nicht und wenig spricht dafür, dass sie kommen wird. Foto: imagoDass am 22. August - Dienstag vor zwei Wochen - Bayer Leverkusen in einem formlosen Brief 14 Millionen Euro plus an sportliche Erfolge gekoppelte maximal weitere zwei Millionen Euro für einen Transfer des Spieles geboten habe. Der in spanischer Sprache verfasste, nur neun Zeilen lange Brief steht als PDF online, inklusive überraschend knappem Bayer-Briefkopf, Unterschriften von Sportdirektor Rudi Völler und Manager Jonas Boldt, einem Bayer-Stempel auf beiden Unterschriften und einem Formatierungsfehler im Angebot.

Dass am 23. August River Plate mit ausführlicherem Briefkopf und einem Tippfehler in der Anrede das Angebot mit einem einzigen Satz ablehnte: "Derzeit und uns bedankend für das Interesse, das Sie an unserem Spieler zeigen, informiere ich Sie, dass River Plate nicht die Absicht hat, den geforderten Fußballer, Lucas Alario, zu transferieren." Gruß, der Präsident. Und Ende.

Ende? Am 25. August habe der Spieler das Angebot im Rahmen einer Presserunde bestätigt und verkündet, sich aus der ganzen Sache heraushalten zu wollen. Es sei ein Thema zwischen Verein und Verein, er müsse abwarten. Ebenfalls am 25. August begann die argentinische Fußballsaison (River nennt hierfür den 27., den Termin ihres ersten Spiels, bei dem Alario in der Startelf stand, aber dieser Tag spielt keine Rolle). Das Datum wird gleich wichtig.

Am 28. August bekommt River Plate über die Presse Wind davon, dass Alario einen Medizincheck in einer Praxis im Stadtteil Belgrano vornehmen lasse. Der Verein schickt zwecks Überprüfung einen Notar nach Belgrano, der in einem langen hochformellen Schriftstück zu Protokoll gibt, ungefähr um 13.42 Uhr nicht nur die halbe Sportpresse von Buenos Aires dort angetroffen zu haben, sondern auch einen Arzt, der ihm bestätigte: Alario war da für eine Konsultation privater Natur, begleitet von einem Herrn, der sich als sein Vertreter vorstellte, sowie zwei Ausländern und einem Übersetzer. Einer der Ausländer sei gewesen: Dr. Karl Dittmar, leitender Mannschaftsarzt von Bayer Leverkusen.

Am gleichen Tag schickt River Plate einen erbosten Brief an Bayer Leverkusen, den DFB, den argentinischen Verband AFA, die UEFA und den südamerikanischen Kontinentalverband CONMEBOL. In diesem gut zweiseitigen Schriftstück zeigt der Verein an, dass Alario ohne Zustimmung des Vereins sich habe durchchecken lassen, dass der Verein dies nicht nur als ethisch und moralisch fragwürdig, sondern auch und vor allem als Verstoß gegen die Regularien der FIFA und als Anstiftung zum Vertragsbruch sehe. Und für jeden Ärger, der daraus entstehe, Bayer Leverkusen verantwortlich mache. Denn der Spieler dürfe zwar grundsätzlich seine Ausstiegsklausel ziehen oder ziehen lassen - aber nicht während der laufenden Saison. "Un contrato no puede rescindirse unilateralmente en el transcurso de una temporada", schreibt River Plate. Und in der Tat lautet der Artikel 16 des "FIFA-Reglements bezüglich Status und Transfer von Spielern" in der offiziellen deutschen Version gleichbedeutend: "Eine einseitige Vertragsauflösung während einer Spielzeit ist nicht gestattet." Und bereits auf der ersten Seite des Reglements wird definiert: "Eine Spielzeit beginnt mit dem ersten offiziellen Spiel der betreffenden nationalen Meisterschaft und endet mit dem letzten offiziellen Spiel der betreffenden nationalen Meisterschaft." In diesem Fall, schreibt River Plate und ergibt sich aus den Statuten, sei und ist die Ausstiegsklausel ab dem 25. August unwirksam. Im vorletzten Absatz fordert River Bayer ausdrücklich auf, alle Bemühungen um Alario unverzüglich einzustellen. Die AFA antwortet zwei Tage darauf in wenigen Zeilen sinngemäß: "Wir sehen das genauso."

Am 30. August - und jetzt wird die Geschichte total seltsam - erfährt River aus den Medien, dass von den 40 Prozent der in der inzwischen abgelaufenen Ausstiegsklausel auf 24 Millionen Euro bezifferten Ablöse, die dem Ex-Klub und Anteilseigner an den Transferrechten, dem CA Colón, zustehen, dieser mehr als drei Millionen an Leverkusen zurückerstatten würde. Daraufhin bietet River Colón an, für fünf Millionen diese Transferrechte zu übernehmen - und nicht für die 1,5 Millionen, die diese gemäß einer weiteren Klausel im kommenden Jahr kosten würden. Da war's schon zu spät - tags drauf gehen 23.840.983 Euro von Bayer Leverkusen bei der AFA ein, fünf Tage später ebenso die Bitte um Freigabe des Spielers. River lehnt beides empört ab und argumentiert: Wenn Alario die Ausstiegsklausel ziehen will, dann muss das vor der Saison geschehen. Bayer Leverkusen verstößt gegen den genannten Artikel 16. Und mit der Verweigerung, ihn herauszugeben, verteidigt River den argentinischen Fußball auf globaler Ebene.

Die Frage steht nun nach diesem Berg von Dokumenten riesengroß im Raum: "Was, um Himmels Willen, treibt Ihr da?" Es gibt oder gab alles in allem zwei Möglichkeiten, den Spieler unter Vertrag zu nehmen. Erstens: Ausstiegsklausel, vor dem 25. August. Zweitens: In beiderseitigem Einverständnis ausgehandelter Transfer. Bayer beklagt sich, die River-Verantwortlichen wären zur entscheidenden Verhandlung nicht erschienen; das scheint irrelevant: Um die Klausel zu aktivieren, reicht deren rechtzeitige Zustellung. Zu beiderseitigem Einverständnis nach Ablauf der Klausel besteht keine Verpflichtung - wenn River nicht verkaufen will (sondern, und darum geht's wohl, a) nach dem Verkauf des einen Torjägers an Zenit St. Petersburg nicht auch noch den anderen verlieren und b) im kommenden Jahr die kompletten Transferrechte haben will), muss River nicht verkaufen.

Offene Fragen: Erstens: Warum bietet Leverkusen 14 Millionen? Das entspricht im Grunde dem Betrag der Ausstiegsklausel abzüglich des Geldes, das Colón zusteht. Will Leverkusen Colón über den Tisch ziehen? Besteht bereits eine Absprache inklusive Zahlung mit Colón? Beides ergäbe wenig Sinn, ebenso die durchgesickerte Absprache, Colón würde von den rund neun Millionen, die dem Verein zustünden, einen erheblichen Betrag zurückschicken. Soll der Verein aus Santa Fe ein Druckmittel gegen River sein? Das ist überhaupt nicht möglich, Colón hat kein Druckmittel. Kommt der Transfer zustande, bekommt der Verein 40 Prozent. Kommt er nicht zustande, bekommt er in einem Jahr - durch das Ziehen der Option - 1,5 Millionen. Ein Mitspracherecht, ob und wann der Transfer zustande kommt, existiert nicht. Zweitens: Mit welcher Berechtigung trainiert Alario seit Dienstag in Leverkusen? Die Ausstiegsklausel wurde offenbar nicht oder nicht rechtzeitig gezogen - denn dann hätte man sich den ganzen Zirkus sparen können, dann wäre die Sache einfach. Eine frei verhandelten Transfer lehnt River (bisher) kategorisch ab. Formal ist der Spieler ein River-Profi und hat in Deutschland ohne Zustimmung seines Vereins nichts zu suchen. Ist die ausführliche Dokumentation seitens River authentisch (und es scheint nicht glaubhaft, dass so viele offizielle Dokumente gefälscht sein könnten), dürfte sich Bayer Leverkusen mit dem Versuch, durch Schaffung vollendeter Tatsachen einen Tranfer zu erpressen, fürchterlich verzockt haben, für eine Freigabe gäbe es keinen Anlass.

Im Spiel zwischen Mainz 05 und Bayer Leverkusen werden heute weder Carrillo noch Alario eingesetzt. Die 05er werden wahrscheinlich mit Yoshinori Muto im Angriff spielen, Leverkusen - weil Javier Hernández verkauft, Joel Pohjanpalo verletzt, Admir Mehmedi zum Außenverteidiger umgeschult und Kevin Volland ein Außenstürmer ist - vermutlich mit dem alten Stefan Kießling. Ob die 05er ihren Argentinier überhaupt wirklich wollten, wissen wir nicht. Wenn ja, dann ist der Transfer geräuschlos und seriös gescheitert. Souveräner, seriöser als Leverkusens Variante, keinen Stürmer zu holen.

Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.