Zweite gute Leistung, zweite Niederlage

Christian Karn. Mainz.
Die Revanche ist nicht geglückt. Ein Dreivierteljahr nach dem schmerzhaften Ausscheiden im WM-Achtelfinale mit einem Eigentor und einem verschossenen Elfmeter traf Gonzalo Jara, der chilenische Verteidiger des FSV Mainz 05, mit seiner Nationalmannschaft erneut auf Brasilien und unterlag absolut unverdient 0:1.

37 Prozent Ballbesitz - in der ersten Hälfte sogar nur 32 -, 32 Fouls, zwei Schüsse aufs Tor. Im Freundschaftsspiel zwischen Chile und Brasilien in London sind das die Zahlen der vermeintlichen Weltklassemannschaft, der brasilianischen Selecao. Trotz einer jämmerlich schlechten Leistung gewannen die Gelb-Blauen diesmal nicht erst im Elfmeterschießen, sondern schon nach 93 Minuten 1:0.

Chile, anders als vor drei Tagen gegen Iran in Bestbesetzung, war von Anfang an dominant gegen die biederen Brasilianer, aggressiv, engagiert, motiviert. Mit der gewohnten Fünferkette (zentral Gary Medel von Inter Milan, an seinen Seiten Gonzalo Jara vom FSV Mainz 05 und Miiko Albornoz von Hannover 96, außen Mauricio Isla von den Queens Park Rangers und Eugenio Meda von Cruzeiro) hatten die Chilenen defensiv alles im Griff. Brasilianische Torchancen gab es schlicht nicht, aller Dominanz zum Trotze aber auch keine für Chile. Die Roja war hinten und im Aufbau ballsicher, zog sich aber damit immer wieder an die Mittellinie zurück. Die Verteidiger hatten viele Ballkontakte, obwohl die gegnerischen Angreifer überhaupt keine hatte, der aktuell einzige brasilianische Weltstar Neymar nur mit Stürmerfouls auffiel und sein Nebenmann Luiz Adriano (Schachtjor Donezk) gar nicht zu sehen war.

Gonzalo Jara mag keine Angst vor Weltstars haben. Gegen Neymar machte der Chilene im Nationaltrikot ein ähnlich gutes Spiel wie kurz vor Weihnachten mit den 05ern gegen Arjen Robben. Geholfen hat's beide Male nicht. Foto: imagoEin bisschen Glück hatten die Chilenen in der 28. Minute. Medel trat im eigenen Strafraum auf den Ball und kam ins Straucheln, musste sich abstützen, berührte dabei klar mit dem Unterarm den Ball. Noch im Aufstehen grätschte Medel den Neu-Nationalspieler Josef de Souza ab. Ein Handelfmeter wäre möglich gewesen, ein Foulelfmeter nicht, Schiedsrichter Mark Atkinson pfiff trotz wilder Reklamationen der Brasilianer gar nichts. Vertretbar. Klarer war die Situation in der 50. Minute: Foul von Manchester Citys Fernandinho Pedro Hernández (Celta Vigo), wieder kein Elfmeter.

Jara war diesmal nur Adjutant des Abwehrchefs Medel, spielte weniger dominant als gegen Iran, fügte sich als Zweikämpfer, Stellungs- und Aufbauspieler ins starke Kollektiv der chilenischen Defensive ein, vermochte aber den Angreifern, die sich immer wieder festliefen, immer wieder gefoult wurden und aus ihren Standards nichts machten, auch nicht nennenswert zu helfen. Mittelmäßige Freistöße des Arsenal-Stürmers Alexis Sánchez in seinem Heimstadion in der 64. und 67. Minute musste man schon "Höhepunkte" nennen. Der des eingewechselten Matías Fernández (AC Florenz) in der 86. Minute, den Brasiliens Torwart Jefferson um den linken Pfosten lenkte, war einer.

Eine einzige gute Offensivaktion reichte den Brasilianern zum schmeichelhaften Sieg. Der in der 60. Minute eingewechselte Hoffenheimer Roberto Firmino nahm einen langen Pass des FC-Porto-Rechtsverteidigers Danilo durchs Zentrum mit, lief Medel davon und am Torhüter Claudio Bravo (FC Barcelona) vorbei und schob den Ball ins leere Tor (72.). Ein knappes Vierteljahr vor der Copa América ist Brasilien in dieser Form weit davon entfernt, ein ernsthafter Titelfavorit zu sein. Gastgeber Chile kann ein Kandidat werden, muss dafür aber offensiv zulegen.

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